München – Frösteln, leichtes Halskratzen, ein wenig Husten – Beschwerden, die normalerweise kaum der Rede wert sind. In der Corona-Krise fragen sich dennoch viele: Könnten das Anzeichen einer Infektion mit dem neuen Virus sein? Getestet werden Betroffene mit so milden Symptomen aber selten; die Kapazitäten dafür sind begrenzt.
Das ist ein doppeltes Problem: So bleiben nicht nur Patienten unentdeckt, die andere anstecken können. Unklar ist damit auch, wie groß der Anteil der Menschen ist, die die Erkrankung überstanden haben – und daher wahrscheinlich, zumindest für eine gewisse Zeit, immun sind.
Ändern sollen das Antikörpertests, an denen auch Prof. Gérard Krause, Leiter der Abteilung für Epidemiologie am Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung (HZI) in Braunschweig, arbeitet. „Der Antikörpernachweis ist ein Beleg dafür, dass der Körper die Infektion schon durchgemacht hat – und mutmaßlich auch immun ist“, erklärte er am Sonntag in einer TV-Talkrunde bei Anne Will.
Wichtig zu wissen: Es handelt sich hier um eine zweite Art von Test. Antikörpertests eignen sich nicht dafür, bestehende Infektionen aufzuspüren – auch wenn sie sich deutlich schneller und daher in größerer Zahl durchführen lassen. Sie beruhen darauf, spezifische Antikörper im Blut nachzuweisen, die das Immunsystem bildet. Doch dies geschieht erst etwa zehn Tage nach der Infektion.
Breit angewendet könnten verlässliche Antikörper-Tests dennoch sehr hilfreich sein: Denn so ließe sich herausfinden, wie hoch der Anteil der genesenen Patienten ist. „Das gibt uns Aufschluss darüber, wie hoch die Dynamik der Epidemie wirklich ist“, erklärte Krause. Die Zählung der Fallzahlen sei verzerrt. Auch die Frage, wie hoch die Sterblichkeit an Covid-19 tatsächlich ist, ließe sich dann genauer ermitteln – und die Frage klären: Wie stark steigt die Immunität in der Bevölkerung?
„Diese Informationen sind extrem wichtig“, sagte Krause. „Sie helfen uns auch in den nächsten Wochen, die Lage viel besser einzuschätzen – und die schwierigen Entscheidungen, die da anstehen, zu unterfüttern.“
Geplant ist eine Studie mit mehr als 100 000 Probanden. Falls aber jemand individuell gern wüsste, ob er die Infektion bereits durchgemacht habe: Laut HZI kann man sich für die Teilnahme nicht freiwillig melden – die Repräsentativität der Studie müsse gewährleistet werden. Sie soll einen Querschnitt der Immunität in der Bevölkerung verraten. Doch unter Freiwilligen wären sehr wahrscheinlich überdurchschnittlich viele Menschen, die in jüngster Zeit Beschwerden hatten. Eine solche Verzerrung des Ergebnisses will man vermeiden – und arbeitet daher mit Partnern wie den Blutspendediensten zusammen.
Für die Zukunft kann sich Krause aber mehr vorstellen. „Den Immunen könnte man eine Art Impfpass ausstellen, der es ihnen zum Beispiel erlaubt, von Einschränkungen ihrer Tätigkeit ausgenommen zu werden“, wird er auf der HZI-Internetseite zitiert.
Auch Dr. Susanne Johna, Pandemiebeauftragte der Bundesärztekammer, sieht das große Potenzial des Tests. „Ein zuverlässiger Antikörpertest würde uns enorm weiterbringen“, sagte sie bei Anne Will – und das nicht nur in der Frage, wann sich die aktuellen Einschränkungen wieder lockern lassen. „Dann könnten wir solches Personal, das die Krankheit durchgemacht hat, sogar ohne Schutzkleidung Covid-19-Patienten versorgen lassen“, sagte sie. Denn virusdichte Atemmasken sind immer noch Mangelware – und werden es vermutlich noch länger bleiben.
ANDREA EPPNER