Barcelona/Madrid – Das Messegelände gleich hinter dem Flughafen Barajas von Madrid ist nicht wiederzuerkennen. Krankenwagen stauen sich vor dem Eingang zu den Pavillons. „Ifema“, das war einmal die spanische Chiffre für internationales Publikum. Jetzt stehen die fünf Buchstaben für Spaniens erstes Notkrankenhaus in der Corona-Pandemie und für Bedingungen, wie sie nur ein nationaler Notstand hervorbringen kann. In den vergangenen Tagen war von einem „Desaster“ die Rede.
Das hat nicht nur mit den drastisch ansteigenden Infektionszahlen und Todesfällen wegen Covid-19 in Spanien zu tun. Am Dienstag meldete das Gesundheitsministerium 849 Todesopfer seit dem Vortag, der bisherige Höchststand. Laut Fernando Simón, Chef des Krisenstabes, der selbst an Covid-19 erkrankt ist, sei der Höhepunkt bei den Neuansteckungen erreicht. Insgesamt wurden über 94 000 Menschen positiv getestet, seit Ausbruch der Epidemie starben 8189. Damit liegt Spanien fast auf dem Niveau von Italien, dem Krisenherd Nr. 1 in Europa.
Im ganzen Land kommen die Krankenhäuser an ihre Grenzen. Spaniens Regierung reagierte mit einer Verschärfung der Ausgangssperre, die am Dienstag landesweit in Kraft trat. Arbeiten sollen ab sofort nur noch „systemrelevante Sektoren“, alle anderen Arbeitnehmer, die nicht im Home-Office tätig sein können, müssen pausieren. Weite Teile von Industrie und Bauwirtschaft kommen zum Stillstand. Die bis 9. April geltende Maßnahme sei notwendig, um angesichts der weiterhin steigenden Infektionszahlen den Kollaps des Gesundheitssystems zu verhindern, erklärte Finanzministerin María Jesús Montero.
Das Ifema-Notkrankenhaus ist seit mehr als einer Woche in Betrieb. 1300 Betten sind bereits belegt, 5500 normale sowie 500 Intensivbetten sollen es am Ende werden. Bei aller Anstrengung der Verantwortlichen regiert aber offenbar das Chaos. Das zeigen Videoaufnahmen und Stimmen aus dem Lazarett.
Man sieht dort Krankenbetten in langen Reihen stehen, kaum durch Trennwände separiert. Covid-19-Patienten haben Sauerstoffflaschen neben sich stehen. Das freiwillig arbeitende medizinische Personal trägt teilweise Plastiktüten als Infektionsschutz auf dem Kopf oder an den Füßen. „Die Patienten liegen dicht gedrängt, es ist wie im Krieg“, zitiert die Zeitung „El País“ eine Freiwillige. Es fehlt an Schutzausrüstung. „Es ist wahrscheinlicher, sich hier anzustecken, als geheilt zu werden“, sagte eine Krankenschwester, die ebenfalls anonym bleiben wollte, über das Großlazarett, in dem teilweise angeblich Besenstangen als Halterungen für Infusionen benutzt werden. Antonio Zapatero, einer der Direktoren der Notklinik, erklärte: „Wir rechnen damit, dass die Krise noch vier bis sechs Wochen dauern wird, unsere Betten sind dafür da, um Madrid zu entlasten.“
Ab sofort jedoch geht Spanien in „eine Art Winterschlaf“. So bezeichnete Ministerin Montero die verschärfte Ausgangssperre, die von der Wirtschaft scharf kritisiert wird. Das werde „einen nie dagewesenen starken negativen Effekt auf die spanische Wirtschaft auslösen, vor allem in der Industrie“, hieß es in einer Erklärung des Unternehmerverbands CEOE. Auch die Baubranche, die rund zehn Prozent zum Bruttoinlandsprodukt (BIP) beiträgt, ist betroffen. Experten befürchten den Verlust von Millionen Arbeitsplätzen sowie einen Rückgang des BIP um bis zu zehn Prozent.
Für die neun katalanischen Separatistenführer, die wegen eines Unabhängigkeitsreferendums im Herbst 2017 zu langen Haftstrafen verurteilt wurden, könnte Corona hingegen einen positiven Effekt haben. Wegen Ansteckungsgefahr im Gefängnis dürfen sie wohl ihre Zellen vorübergehend verlassen und sich zuhause aufhalten.