Aiwanger: Alles, was wir bekommen können

von Redaktion

Nähen, kaufen, zertifizieren: Wirtschaftsminister schiebt die Masken-Produktion persönlich an

In der Corona-Not werden die Schutzmasken knapp. Bayern will jetzt als erstes Land massiv in die Produktion einsteigen: Privatleute nähen einfache, Firmen produzieren hochwertige Masken. Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger (FW) will Tempo.

Das Hightech-Land stellt gerade die Produktion um. Lautet Ihr Kommando: Masken nähen?

Ja, auf mehreren Ebenen. Dezentral verteilen wir gerade über die Landratsämter das Material für über zehn Millionen Masken, die vor Ort genäht und zum Beispiel an Altenheime ausgegeben werden. Wir ermuntern Firmen, ihre Produktion umzustellen. Zettl in Niederbayern, bisher Automobilzulieferer, produziert zum Beispiel jetzt 15 000 Stück am Tag, bald über 100 000. Parallel dazu organisieren wir Importe beispielsweise aus China. Je mehr wir selbst produzieren, desto größer wird die Bereitschaft von internationalen Produzenten, uns doch etwas zu liefern.

Stimmen die Geschichten, dass Sie plötzlich selbst in Werken auftauchen und sich um Stoff und Genehmigung kümmern?

Ja, wo nötig und so oft wie möglich. Ich rede mit Lieferanten für Rohstoffe, setze mich für Genehmigungen ein. Vor einigen Tagen war ich in Frankfurt am Flughafen, weil ich die Information bekommen habe, dort hängen 600 000 Masken im Zoll fest – wir haben die Ware dann einen Tag eher rausbekommen und nach Bayern gefahren.

Wie viele Masken braucht es? In welcher Qualität?

Viele. Alles, was wir bekommen können. Wir wollen mehrere hunderttausend pro Tag in Bayern produzieren. Selbst eine einfache Maske ist besser als keine. Wer eine „nasse Aussprache“ hat, kann andere sogar mit einem umgebundenen Kopftuch schützen. Zum Eigenschutz, beispielsweise in Kliniken, brauchen wir einen höheren Standard mit bester Qualität. Wir haben jetzt, übrigens als erste in Deutschland, die positive Prüfung für eine Corona-Pandemie-Atemschutzmaske.

Wäre es ein Deal: Alle tragen Maske, dafür darf der Einzelhandel aufsperren?

Ich glaube, viele Bürger entwickeln gerade selbst eine höhere Sensibilität, wie sie sich und andere durch Mund-Nasenmasken besser schützen können. Aber wir geben als Freistaat auf absehbare Zeit keine Maskenpflicht vor.

Wo würden Sie eine Maske tragen?

Wenn man irgendwo mit geringem Abstand sitzt oder sensible Bereiche wie Pflegeeinrichtungen betritt.

Es gibt rechtliche Probleme, dass man Masken nicht „Mundschutz“ nennen dürfe und sonst abgemahnt wird. Haben wir Zeit für solche Kindereien?

Nein, eigentlich nicht. Vorerst sollten wir das halt anders nennen – von mir aus Mund-Nasen-Maske, dann passt es wieder. Das Wort „Schutz“ ist wohl besonders „geschützt“.

Wenn Firmen auf Nähen umstellen – könnten andere dann Beatmungsgeräte produzieren?

Ja, darüber reden wir schon, bei Beatmungsgeräten und Schnelltests, die wir in großen Stückzahlen brauchen.

Müssen wir langfristig wichtige Produktionen im Inland halten, auch wenn sie nicht so sexy klingen?

Natürlich. Das beginnt in der Landwirtschaft. Wir müssen die Selbstversorgung mit Lebensmitteln sicherstellen, dürfen nicht von großen Agrarimporten abhängig sein. Wir müssen Antibiotika selbst herstellen – ich hoffe dringend, dass da nicht bald schon ein Engpass auf uns zukommt –, ebenso medizinisches Gerät, Desinfektionsmittel, Notstromaggregate, Notbetten und mehr. Und ganz am Ende sollten wir nochmal über Wehrpflicht und Zivildienst reden. Jetzt zeigt sich: Die Aussetzung war ein Fehler.

Interview: Chr. Deutschländer

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