„Kein Gefühl, was die Partei bewegt“

von Redaktion

Nach seiner Teilungs-Idee steht AfD-Chef Meuthen unter Druck

München – Als hätten sie etwas geahnt. Noch am Dienstagabend veröffentlichten drei prominente AfD-Funktionäre einen Text, in dem sie das Aufgehen des rechtsextremen „Flügels“ in der Partei als „Rückkehr zur inneren Einheit“ feierten. Es brauche die „Bündelung unserer Kräfte“, um zur Volkspartei zu werden. Fest entschlossen schauten die Unterzeichner Alexander Gauland, Tino Chrupalla und Alice Weidel dazu aus einem düsteren Foto. Aufschlussreich ist vor allem, wer fehlte: Jörg Meuthen.

Womöglich gab der Parteichef zum Zeitpunkt der Veröffentlichung gerade jenes Interview, das in der AfD seither für jede Menge Entrüstung sorgt. Dass Meuthen forderte, ergebnisoffen über eine „einvernehmliche Trennung“ von AfD und „Flügel“ zu sprechen, hat selbst die schmerzfreiesten AfDler schockiert. Er bekommt seither heftig auf den Deckel. Sein Co-Chef Chrupalla sagte sogar, er sei „menschlich enttäuscht“.

Inzwischen gibt es erste Rücktrittsforderungen. Noch im November habe sich Meuthen als Bundessprecher wiederwählen lassen, auch mit Stimmen des „Flügels“, sagte der Bundestagsabgeordnete Jürgen Pohl der ARD. Mit seinen Aussagen habe er sich „politisch neu verortet – und zwar außerhalb dieser AfD. Dann sollte er auch die damit verbundenen persönlichen Konsequenzen ziehen.“

Pohl kommt aus Thüringen und gehört dem „Flügel“ an, mit dem Meuthen nie richtig warm wurde. Gerade die sozialpolitischen Vorstellungen der Gruppe um Björn Höcke und Andreas Kalbitz stören den Wirtschaftswissenschaftler. Dann ist da noch die Tatsache, dass der Verfassungsschutz den „Flügel“ seit Kurzem beobachtet. Die Gefahr, dass die ganze AfD zum Beobachtungsfall wird, ist seither gewachsen.

Allerdings hatte der Bundesvorstand sich mit dem Beschluss zur Auflösung des „Flügels“ zuletzt auf einen Konsens geeinigt, der auch bei Höcke-Skeptikern ankam. Umso größer die Verwunderung über Meuthens Vorstoß. „Wir alle waren wie vom Donner gerührt“, sagte die Bundestagsabgeordnete und bayerische Landeschefin Corinna Miazga unserer Zeitung. Eine Teilung der AfD sei falsch und „nicht konsensfähig“. „Herr Meuthen hat unnötig für Unruhe gesorgt und vor allem gezeigt, dass er kein Gespür dafür hat, was die Partei gerade bewegt.“

Aus der Landtagsfraktion ist Ähnliches zu hören. „Ich bedauere sehr, dass die AfD öffentlich über eine Spaltung diskutieren muss“, sagte Fraktionschefin Katrin Ebner-Steiner, selbst „Flügel“-Anhängerin. Der eher gemäßigte Abgeordnete Uli Henkel warnte vor der Spaltung in eine Ost- und West-AfD. Meuthens Idee sei ein „Hirngespinst, das so einfach sicher nicht funktioniert“. Einer seiner Kollegen sagte: „Ich verstehe die Welt nicht mehr.“

Manche fühle sich arg an die ehemaligen Parteichefs Bernd Lucke und Frauke Petry erinnert. Auch ihnen verzieh die AfD es nicht, dass sie den „Flügel“ attackierten. Ob es bei Meuthen auch so kommen wird? „Das hängt davon ab, wie sehr er jetzt auf dem Thema besteht“, sagt Miazga. Bei einer Telefonschalte am Freitag soll er sich einsichtig gezeigt haben.

Björn Höcke rief am Freitag in einem Interview zur Einheit der Partei auf. Er sei sicher, dass die AfD „jeden verabschieden“ werde, der versuche, sie „zu verzwergen“. Den Namen Meuthen nannte er nicht. Das war aber auch nicht nötig. MARCUS MÄCKLER

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