Die Krise wird das Klima nicht retten

von Redaktion

Die Corona-Krise verringert offenbar den Ausstoß von Klimagasen und Schadstoffen. Sogar der Himmel könnte zeitweise klarer sein als ohne den erzwungenen Stillstand. Langfristig sehen Experten aber kaum positive Nebeneffekte der Krise.

VON STEFAN REICH

München – Weltweit stehen derzeit zahlreiche Fabriken und Autos still, Flugzeuge bleiben am Boden. Gleichzeitig beobachten Satelliten dort, wo strenge Quarantäne-Maßnahmen verhängt wurden, einen Rückgang von Stickoxiden in der Atmosphäre, etwa über Wuhan, Paris oder Norditalien. „Auch über dem Ruhrgebiet ist das zu beobachten“, sagt Markus Rapp vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR).

Diese abrupten Veränderungen in der Atmosphäre, so der Leiter des DLR-Instituts für Physik der Atmosphäre in Weßling, ließen Beobachtungen zu, die sonst nicht möglich wären. Aus wissenschaftlicher Sicht sei die Corona-Krise wie ein riesiges Laborexperiment. Die aktuellen Veränderungen könnten helfen, bestehende Prognosemodelle zu überprüfen.

Auch an den Straßen deutscher Städte wurden in den Tagen nach Inkrafttreten von Kontakt- oder Ausgangsbeschränkungen deutlich niedrigere Stickoxid- und Feinstaubwerte gemessen. Experten warnen aber vor schnellen Schlüssen. In Berlin lagen die Feinstaubwerte bald wieder fast im Normalbereich –ohne dass wieder mehr Autos fuhren. Zuletzt schwankte aber die Windstärke stark, es wurden mal mehr, mal weniger Schadstoffe aus den Straßen geblasen.

Wegen solcher zusätzlicher Einflüsse brauche man Beobachtungen über mehrere Monate, um sagen zu können, wie die Corona-Krise die Luftqualität in den Städten beeinflusse, heißt es etwa aus der Berliner Senatsverwaltung. In München lagen Stundenmittelwerte des Stickoxids auf der Landshuter Allee am gestrigen Montag über denen mancher Montage im Februar. So spricht zwar einiges für einen Einfluss der aktuellen Situation auf die Luftqualität. Für Urteile ist es aber noch zu früh.

Das gilt auch für Auswirkungen auf das Wetter. Gerade auf viel beflogenen Routen beeinflusst der Luftverkehr bisweilen die Bewölkung. Es könne nun Tage mit weniger Wolken geben, als es sonst der Fall wäre, sagt Andreas Friedrich vom Deutschen Wetterdienst.

Bei einem bestimmten Zusammenspiel von Temperatur, Luftfeuchtigkeit und Wind hinterlassen Flugzeuge Kondensstreifen aus Wasser-

eis am Himmel. Die können sich unter Umständen lange halten und zu Schleierwolken werden. Diese führen im globalen Mittel zu einer zusätzlichen Erwärmung, erklärt Rapp vom DLR. „Derzeit wäre aber über Deutschland der Himmel auch mit Flugverkehr wolkenfrei“, sagt Friedrich. In der gerade vorherrschenden trockenen Polarluft würden sich Kondensstreifen gar nicht erst bilden.

Unzweifelhaft sind die Folgen des fehlenden Flugverkehrs für die Wettervorhersage. Flugzeuge funken normalerweise tausende Male täglich fast in Echtzeit Temperatur, Luftdruck und Windgeschwindigkeit an den DWD. „Maschinen der Lufthansa haben auch besondere Luftfeuchtesensoren“, sagt Friedrich. „Die Maschinen stehen jetzt am Boden.“ Man geht beim DWD davon aus, dass Temperaturprognosen etwas ungenauer werden. Es könne auch passieren, dass man etwa die Entstehung eines Tiefs über dem Atlantik nicht erkenne. Dann könnten Wettervorhersagen im Einzelfall schon mal danebenliegen.

Auf das Weltklima dürfte sich der derzeitige Stillstand aber kaum auswirken. Zwar könnte Deutschland durch die Corona-Krise seine Klimaziele für 2020 schaffen. Der Präsident des Umweltbundesamtes, Dirk Messner, spricht mit Blick auf weniger Reisen in Deutschland aber von einem „Einmaleffekt“ bei Treibhausgasen. Langfristig fürchten Fachleute gar negative Effekte: Es könnte zu Nachholeffekten bei Konjunktur und Produktion kommen. Zudem könnte die Virus-Krise die des Klimas von der Agenda verdrängen.

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