Merkel dankt den Deutschen

von Redaktion

Drei Tage nach dem Ende ihrer Quarantäne tritt Angela Merkel vor die Presse. Die Kanzlerin beschwört Europa, dankt den Bürgern und verspricht eine möglichst schnelle Rückkehr zum freien Leben.

VON SEBASTIAN HORSCH

München – Die Kanzlerin kommt zu spät, aber dafür schnellen Schrittes. Angela Merkel tritt ans Rednerpult und beginnt sofort zu sprechen. Während sie ihre Zettel sortiert, fasst sie bereits die Ergebnisse des Corona-Kabinetts zusammen, die ihre Minister schon früher am Tag der Öffentlichkeit präsentiert haben. Sie wirkt beschäftigt, ein bisschen in Eile, wach.

Routiniert geht sie die in diesen Tagen drängendsten Baustellen durch. Deutschland müsse in Zukunft eine eigene Produktion für Schutzbekleidung aufbauen. „Es ist wichtig, dass wir als eine Erfahrung aus dieser Pandemie lernen, dass wir hier auch eine gewisse Souveränität brauchen oder zumindest eine Säule der Eigenfertigung“, sagt sie in bestem Merkel-Sound.

Dann wird es staatstragender – und internationaler. Die Kanzlerin ruft dazu auf, die Europäische Union entschlossen zu verteidigen. Deutschland werde es nur gut gehen, „wenn es Europa gut geht“, sagt Merkel. Die Antwort auf die Krise müsse daher lauten, „mehr Europa“, ein stärkeres Europa und ein „gut funktionierendes Europa“. Wenn „die schwersten Teile dieser Krise im gesundheitlichen Bereich“ überstanden seien, werde „ein Wiederbelebungsprogramm, ein Wiederaufbauprogramm“ benötigt. Nach „diesem schweren wirtschaftlichen Einschnitt“ müsse es solche Konjunkturprogramme nicht nur auf nationaler, sondern auch auf europäischer Ebene geben. Die EU stehe vor der „größten Bewährungsprobe seit ihrer Gründung“. Sie sagt das ohne Pathos.

Merkel ist kein Staatsoberhaupt, das sich sonst ständig vor die Kameras stellt, um zum Volk zu sprechen. Sie fährt – auch in der Corona-Krise – ganz gut damit, das erkennen selbst ihre Widersacher an. „Frau Merkel gehört zu den Politikern, die erst nachdenken und dann reden, und das ist mir gerade in einer solchen Situation sympathischer als umgekehrt“, sagte jüngst selbst CDU-Politiker Friedrich Merz – wahrlich kein Merkel-Fan. Dass die Kanzlerin am Dienstag den Auftritt vor der Hauptstadtpresse sucht, ist wohl auch ein bisschen ihre Art zu sagen: Ich bin wieder da.

Drei Tage ist es her, dass Merkel ihre selbst verordnete Quarantäne beendet hat. Nachdem ihr Arzt – der ihr bei einer Impfung nahe gekommen war – positiv auf das Virus getestet wurde, hatte sie zwei Wochen von zuhause aus das Land regiert.

Mit der Sachlichkeit einer Lehrerin spricht sie über eine mögliche Aufweichung der Beschränkungen. Die Auflagen müssten schrittweise gelockert werden, stellt sie in Aussicht. Es sei aber noch zu früh, um ein Datum zu nennen. Der Gesundheitsschutz stehe im Vordergrund. Und das Virus werde nicht plötzlich verschwunden sein. „Wir leben weiter in der Pandemie“, stellt Merkel klar.

Zuvor kommt es doch noch zu einem – für Merkel-Verhältnisse – emotionalen Moment. Die Kanzlerin dankt den Deutschen. Mit der Einhaltung dieser „sehr, sehr harten Regeln“ gerade auch bei schönem Wetter leisteten die Bürger einen Beitrag, um Menschenleben zu retten und Pflegepersonal das Leben zu erleichtern. „Für dieses Verständnis, das es gibt, möchte ich mich bedanken.“ Und sie verspricht, dass Deutschland „sobald es die gesundheitliche Situation erlaubt“ zum freien Leben zurückkehren werde. „Glauben sie doch nicht, dass es mir als Politikerin leichtfällt, mit anderen gemeinsam so etwas anordnen zu müssen“, sagt die Kanzlerin.

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