München – Das Coronavirus bringt selbst hoch entwickelte Staaten an ihre Grenzen –was richtet es erst in Entwicklungsländern an? Bettina Lüscher ist Deutschland-Sprecherin des Welternährungsprogramms (WFP). Sie mahnt, die armen Länder der Welt in der Krise nicht zu vergessen.
Frau Lüscher, Krisen sind quasi Ihr täglich Brot. Ist Corona für Sie also business as usual?
Im Gegenteil. Wir haben zwar Erfahrungen mit Ebola und anderen Epidemien. Aber Corona hat eine weltweite Krise ausgelöst. In der humanitären Welt gibt es niemanden, der eine Situation dieser Größe schon mal erlebt hat.
Wie verändert Corona Ihre Arbeit?
Wir müssen Gigantisches bewältigen. Wir versorgen fast 100 Millionen Menschen mit Nahrungsmitteln und Lebensmittelgutscheinen. In den nächsten Wochen müssen wir für sie ein Reservepaket für drei Monate anlegen. Ob das gelingt, hängt auch von unseren Geberländern ab.
Sie meinen von deren Geld…
Wir brauchen vor allem Mittel für unsere Logistik, die wir jetzt ganz groß ausbauen müssen. Um das Nötigste zu schaffen, brauchen wir sehr schnell 350 Millionen Dollar. Bisher haben wir etwa ein Viertel davon bekommen.
Das Nötigste?
Wir bauen im Moment ein großes System auf, damit Waren weiter fließen können. Wir müssen Flugzeuge und Schiffe chartern, um Lebensmittel, medizinisches Gerät, aber auch Ärzte und Helfer in bedürftige Regionen zu bringen. Das muss alles jetzt passieren. Ohne diese Logistik kracht das humanitäre System zusammen.
Um welche Region machen Sie sich besonders Sorgen?
Vor allem um Westafrika und die Sahelzone. Burkina Faso zum Beispiel ist ein Land, in dem Hunderttausende auf der Flucht sind, wo Dürre herrscht, Terroristen regelmäßig zuschlagen. Oder denken Sie an Ostafrika, wo gerade eine Heuschreckenplage tobt. Jetzt kommt auch noch das Virus dazu und erschwert die Situation gewaltig.
Wie gehen Sie vor Ort damit um?
In vielen afrikanischen Flüchtlingscamps herrscht große Enge – wir haben deshalb unsere Nahrungsmittelausgabe umgestellt: Die Leute müssen jetzt größere Abstände einhalten, wir haben Hygienestationen zum Händewaschen aufgebaut. Wir tun, was wir können.
Die Corona-Zahlen in Afrika sind noch recht gering. Gibt Ihnen das Hoffnung?
Das Problem ist ja, dass viele arme Länder Afrikas, Asiens oder des Nahen Ostens kein nennenswertes Gesundheitssystem haben. Mancherorts gibt es nur eine Handvoll Beatmungsgeräte, das Immunsystem vieler Menschen ist durch Hunger und Ähnliches ohnehin geschwächt. Die Konsequenzen werden in diesen Ländern viel größer sein als bei uns. Es heißt ja, das Virus sei der große Gleichmacher. Das Gegenteil ist wahr.
Im Westen ist das Virus aber auch gnadenlos.
Ich weiß, wir in der westlichen Welt sind im Moment sehr angespannt. Wer aber in einem Bürgerkriegsland lebt, hat schon Verwandte verloren, dem sind schon Kinder auf der Flucht weggestorben, der wurde vielleicht schon vergewaltigt oder gefoltert. Eins kommt nach dem anderen. Das ist eine gefährliche Gemengelage.
Sorgen Sie sich, dass auch das WFP irgendwann an Grenzen stößt?
Ich glaube, dass wir im Laufe der Jahrzehnte so gut geworden sind, dass wir das hinkriegen. Als ich vor 16 Jahren beim WFP anfing, war die große Sorge, dass man drei Krisen gleichzeitig zu bewältigen hat. Drei! (lacht) Jetzt haben wir Syrien, Jemen, Südsudan, den Klimawandel, Dürren, und, und, und. Aber alleine schaffen wir es nicht.
Hilft die Bundesregierung?
Deutschland ist mit rund 880 Millionen Dollar im Jahr der größte Geber nach den USA. Wir stehen mit dem Auswärtigen Amt und dem Entwicklungsministerium ständig in Kontakt. Bessere Partner kann man nicht haben. Ich glaube, in den reichen Ländern ist genug Geld da, um auch in dieser Krise zu helfen. Und denen ist auch klar, dass das wichtig ist, weil die negativen Effekte sonst wieder auf sie zurückkommen, etwa durch Flucht.
Im Kriegsland Jemen müssen Sie die Hilfe aus Geldmangel schon zurückfahren. Was heißt das für die Menschen dort?
Die Menschen im Jemen sind so gebeutelt. Seit Jahren ein brutaler Konflikt. Unsere Arbeitsbedingungen in den Gebieten, die von der De-facto-Regierung kontrolliert werden, sind immer schwieriger geworden. Deshalb kamen auch weniger Geldzuwendungen an uns, und jetzt mussten wir die Essensrationen kürzen. Wir appellieren an die De-facto-Behörden, sich an unsere Vereinbarungen zu halten, damit wir wieder dort arbeiten können.
Wie hart wird Corona die armen Länder der Welt am Ende treffen?
Es werden mehr Menschen an den Folgen von Hunger und an den Folgen des Virus sterben. Das ist die traurige Wahrheit.
Interview: Marcus Mäckler