Corona an Bord

von Redaktion

Wie ein französischer Flugzeugträger mit mehr als 2000 Soldaten vom Virus heimgesucht wurde

Paris – Kurz bevor das Drama offenbar wurde, gab es noch ein Konzert. Im großen Hanger des französischen Flugzeugträgers „Charles de Gaulle“ spielte die Matrosenkapelle. Rund 300 Militärs lauschten den Klängen. Dabei habe man sich zwar bemüht, Distanz zu halten – im Nachhinein hätte man auf diese Veranstaltung aber wohl verzichten sollen, resümiert der Stabschef der französischen Marine, Christophe Prazuck. Kurz darauf – Anfang April – ist klar: Das Coronavirus ist mit an Bord. Aus ein paar Verdachtsfällen werden mehr als 1000 infizierte Militärs.

Bereits Ende März erschütterte ein Corona-Ausbruch auf dem US-Flugzeugträger „USS Theodore Roosevelt“ die amerikanische Marine. Mehr als 770 Besatzungsmitglieder infizierten sich, ein Besatzungsmitglied starb. Am Ende stand der Rücktritt von Marineminister Thomas Modly. Hätten die Franzosen nicht gewarnt sein müssen?

Die „Charles de Gaulle“ ist das Flaggschiff der französischen Marine. Entscheidend bei der Frage danach, wie das Virus auf das Schiff gekommen ist, ist ein Aufenthalt in Brest. Dort machte der Flugzeugträger vom 13. bis 16. März halt. Zu dieser Zeit gab es in Frankreich noch keine Ausgangsbeschränkungen, aber das Land steckte bereits mitten in der Corona-Krise. Der Fall aus den USA war noch nicht bekannt.

Die Militärs hätten dringend etwas Zeit zum Wiederauftanken gebraucht, verteidigte Prazuck den Stopp im „Journal du Dimanche“. Allerdings geht er davon aus, dass das Virus wahrscheinlich in Brest an Bord gekommen ist. Die Militärs durften ihre Familien besuchen, einige sind Berichten zufolge in Bars zum Feiern gegangen. Rückblickend, so Prazuck, wäre es wohl besser gewesen, die Mission abzubrechen.

Doch es ging wieder raus auf den Atlantik, mit mehr als 2000 Militärs. Auf einem Schiff, auf dem man sich kaum aus dem Weg gehen kann. In dieser Zeit gab es laut Verteidigungsministerium einige Vorsichtsmaßnahmen, der Morgenappell wurde etwa abgesagt. „Nach 14 Tagen auf See, in denen keine Fälle gemeldet wurden, wurde (dies) allmählich gelockert“, so Stabschef Prazuck. Im Hangar spielte also die Kapelle. Der Ausbruch auf dem US-Schiff war bereits bekannt. Kurz darauf gab es erste Verdachtsfälle auf der „Charles de Gaulle“.

Dass ein solch beengter Ort wie ein Flugzeugträger für ein Virus der perfekte Ort ist, ahnte auch der entlassene Kapitän der „USS Theodore Roosevelt“, Brett Crozier. Er schlug in einem Brief Alarm und forderte eine weitgehende Evakuierung des Schiffs.

Auch wissenschaftlich sind die beiden Fälle interessant. US-Verteidigungsminister Mark Esper teilte mit, dass von 585 positiv getesteten Soldaten nur 213 Symptome zeigten. Auch in Frankreich haben nur rund die Hälfte der mehr als 1000 positiv getesteten Besatzungsmitglieder Symptome. Die Besatzung eines Kriegsschiffes ist im Schnitt jünger als der Durchschnitt der Bevölkerung. „Es gibt wahrscheinlich eine beträchtliche Anzahl asymptomatischer Formen, die vor allem in jüngeren Bevölkerungen auftreten“, schließt daraus der Leiter des wissenschaftlichen Rates, der Frankreichs Regierung berät. JULIA NAUE/LENA KLIMKEIT

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