Für Christen besteht die Gewissheit, dass es Gott ist, der die Zeit in Händen hält. Nur er kann sie mit Segen und Glück erfüllen. Seit der Antike gibt es aber auch schon die Forderung des „carpe diem“, den Tag zu ergreifen, jeden Augenblick des doch einmal zu Ende gehenden Lebens zu nutzen. „Quam minimum credula postero“ – „traue dem Morgen kaum“.
Um solche Lebensweisheiten festzuhalten, dazu führten noch unsere Großmütter als junge Mädchen ein „Poesie-Album“. Jeder aus ihrem Umkreis wurde gebeten, da etwas hineinzuschreiben. Darunter waren dann auch recht naiv klingende allgemeine Lebensweisheiten.
Goethe bekam von seinem Enkelsöhnchen Walter ein solches Album präsentiert. Da hatte schon jemand hineingeschrieben, unser Leben habe eigentlich nur drei Minuten: eine zum Aufwachen, eine zum Wachsein und eine zum Abschiednehmen. Dieser unverantwortliche Umgang mit kostbarer Lebenszeit gefiel dem alten Herrn gar nicht. So setzte er in seiner gestochenen Schrift unter den Minutenspruch diese Zeile:
„Ihrer sechzig hat die Stunde, über tausend hat der Tag – Söhnchen, werde Dir die Kunde, was damit man leisten mag!“
In diesen Wochen der erzwungenen Corona-Abgeschlossenheit haben wir neue Chancen, die Zeit, die wir in der Isolierung verbringen müssen, sinnvoll zu füllen im Sinne der Lebenskunst des alten Herrn. Dessen fast 83 Jahre währendes Leben war bis ins höchste Alter mit unermüdlicher Tätigkeit angefüllt.
Dass die Zeit sich für unser Empfinden lange hinziehen kann in Stunden ungeduldigen Wartens und zugleich wieder ganz kurz erscheint, wenn wir auf unsere abgelaufenen Jahre zurückblicken, haben wir alle schon erlebt. Die Älteren unter uns fragen sich nicht nur an den „runden“ Geburtstagen: „Wo ist meine Zeit geblieben?“
Vor 115 Jahren hat der geniale Albert Einstein mit seiner Relativitätstheorie bewiesen, dass die Zeit nicht nur nach unserem Empfinden, sondern auch streng physikalisch betrachtet relativ ist. Es gibt keine absolute Zeit, sondern ein vierdimensionales Raum-Zeit-Gebilde. Sie wird langsamer, je näher die Geschwindigkeit eines bewegten Raumes an die absolut gesetzte Lichtgeschwindigkeit herankommt. Allerdings nur relativ, da alle Körper eine eigene Geschwindigkeit haben und somit jeweils unterschiedlich im Bezug zueinander stehen.
Zum Glück für uns physikalische Laien hatte Einstein auch eine sehr leicht-lockere Erklärung für die schwer verständliche physikalische Relativität der Zeit bereit. Eine Minute auf einer heißen Herdplatte, meinte er einmal in einem Gespräch, ist viel länger als eine Stunde im höchsten Liebesglück. Unsere jetzige Corona-Zeit dürfen wir also nicht dehnen durch langweiliges Warten auf ihr Ende. Wir sollten sie genießen durch das Erlebnis dieser wieder so beglückenden Frühlingstage. Das geht auch auf dem Balkon zu Hause.
Schließlich hat schon der römische Naturphilosoph Plinius der Ältere – er kam um beim Ausbruch des Vesuv im Jahre 79 n. Chr. – festgestellt: „Jede Zeit ist umso kürzer, je glücklicher man ist.“
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