Der kleine Boxer an Kohls Kabinettstisch

von Redaktion

Norbert Blüm war einer der letzten Repräsentanten der Bonner Republik – jetzt ist er mit 84 Jahren gestorben

Bonn – Norbert Blüm war 16 Jahre Bundesarbeitsminister und bleibt doch vor allem mit einem Satz in Erinnerung. Noch Jahrzehnte später wurde er ihm auf der Straße nachgerufen. Mal eher augenzwinkernd-freundlich, oft aber höhnisch und manchmal sogar in dem für ihn typischen Dialekt: „Die Rente ist sischer!“ Auch mit über 80 Jahren war Blüm jederzeit bereit, den Satz zu verteidigen. „Und zwar mit einer gewissen Wut im Bauch.“ Er sagte von sich selbst, er sei ein „alter Rummel-Boxer“, der den Schlagabtausch brauche. Jetzt ist er mit 84 Jahren gestorben.

Blüm war der einzige Bundesminister der Kohl-Ära, der gleichzeitig Mitglied der IG Metall war. Er galt als „Herz-Jesu-Marxist“, als Anhänger der katholischen Soziallehre. Er arbeitete zunächst als Werkzeugmacher bei Opel in seiner Geburtsstadt Rüsselsheim, machte dann sein Abitur auf dem zweiten Bildungsweg und studierte in Bonn Philosophie, Germanistik, Geschichte und Theologie.

Als Helmut Kohl 1982 Kanzler wurde, berief er den Weggefährten als Arbeits- und Sozialminister in sein Kabinett. Dort durfte Blüm im Maschinenraum des Sozialstaats eigenständig schalten und walten, denn als Repräsentant des Arbeitnehmerflügels war er einer der Pfeiler des Kohlschen Machtsystems. 1995 führte er gegen große Widerstände die Pflegeversicherung ein, schon 1986 plakatierte er sein späteres Mantra: „Denn eins ist sicher: Die Rente.“ Helmut Schmidt habe das vor ihm auch schon so gesagt, erwähnte er manchmal.

Sein Verhältnis zu Kohl bekam schon 1989 tiefe Risse, als er mit Rita Süssmuth und Heiner Geißler versuchte, den damals sehr unpopulären CDU-Chef zu stürzen. Der Versuch misslang, dann fiel die Mauer, und Kohl mutierte zum „Kanzler der Einheit“.

Der vollständige Bruch kam 1999/2000 im Zuge der CDU-Spendenaffäre, als Blüm seinen einstigen Förderer mit deutlichen Worten kritisierte. Von da an wechselten die beiden kein Wort mehr miteinander. In einem Interview sagte Kohl einmal: „Der Mann ist mir völlig egal.“ Dennoch ging Blüm 2017 mit Geißler zu Kohls Beerdigung.

Im Ruhestand vollzog er einen kräftigen Linksruck, das zeigten schon die Titel seiner Bücher wie „Ehrliche Arbeit – Ein Angriff auf den Finanzkapitalismus und seine Raffgier“ oder „Aufschrei! Wider die erbarmungslose Geldgesellschaft“. In seinen Haltungen war er nahe bei Geißler, dessen wachsende Verbitterung ihm aber fremd war. Die politische Auseinandersetzung blieb sein Elixier. „Stellen Sie sich vor, ich hätte keinen Streit mehr“, sagte er. „Dann wäre ich schon tot.“

Wenn man sich mit Blüm in seinem Gründerzeithaus in der Bonner Südstadt unterhielt, bekam man den Eindruck: Die Sorgen der Welt mochten ihn zwar drücken, aber er war zufrieden mit seinem Leben. Er war ein Familienmensch, der sich im Kreise seiner drei Kinder und der Enkelkinder am wohlsten fühlte. Seit 1964 war er mit seiner Frau Marita verheiratet.

Am Ende wurde die Familie noch wichtiger für ihn: Nach einer Blutvergiftung war er seit 2019 an Armen und Beinen gelähmt und saß im Rollstuhl. Die Lähmung machte er erst vor Kurzem publik. „Wie ein Dieb in der Nacht“ sei das Unheil über ihn hereingebrochen – so diktierte er seiner Frau für einen Beitrag in der „Zeit“.

Er war nun ganz auf sich zurückgeworfen, ohne die Resonanz der Öffentlichkeit. Seinen Lebensmut büßte er dennoch nicht ein und sprach von seinem privilegierten Status: „Ich lebe wie Gott in Frankreich.“ Ständig werde er bedient, die Familie sei sein Zufluchtsort. Sie blieb es bis zuletzt. Sterben wollte er wie sein Vater. Dessen letzter Satz war: „Es war alles sehr schön.“ CHRISTOPH DRIESSEN

Artikel 2 von 11