Bundesbildungsministerin Anja Karliczek sprach in dieser Woche in einem persönlichen Video zu den Eltern der elf Millionen Schüler, die nun schon seit Wochen zu Hause hocken. Die ganze Gesellschaft sei ihnen zu Dank verpflichtet. Wie Hohn klingt das von einer Politikerin, die gleichzeitig verkündet, den „Regelschulbetrieb“ erst in 18 Monaten wieder aufnehmen zu wollen. So bleibt das Recht auf Bildung „Verbotsorgien“ ausgesetzt, anstatt konkrete Öffnungslösungen zügig umzusetzen.
Noch nie hat es eine solche unbegrenzte Schulunterbrechung gegeben. Wenn das noch länger andauert, wird der seelisch-geistige Schaden für die Entwicklung unserer Kinder das Risiko einer stärkeren Ausbreitung der Infektionen weit überwiegen.
Die wissenschaftlichen Aussagen zur Ansteckungsgefahr durch Kinder sind widersprüchlich – einige Experten glauben, das Risiko der Ansteckung und Weitergabe durch Kinder sei deutlich geringer. Und wenn ein Kind erkranken sollte, dann ist seine Sterbewahrscheinlichkeit an der Infektion 2000 Mal niedriger als bei einem Erkrankten im Alter über 60. Die nun dringend notwendige Wiederöffnung der Schulen muss neben den Abschlussklassen vor allem bei den Grundschülern beginnen. Für sie sind die sozialen Kontakte des Zusammenseins am wichtigsten.
Auch die größeren Schüler müssen zurück,weil durch die ganz unterschiedlichen häuslichen Verhältnisse längst nicht überall das Lernen mit dem PC funktionieren kann. Was ist mit Eltern aus bildungsfernen Schichten, die in einer kleinen Wohnung selber noch im „Homeoffice“ arbeiten sollen und auch gar nicht über die notwendigen Geräte verfügen? Und wenn drei Kinder sich vielleicht um einen einzigen PC streiten müssen ? So verkehren die Schulschließungen unsere Jahrzehnte langen Bemühungen um größere Chancengleichheit bei der Bildung in das genaue Gegenteil.
Schulen sind die Grundlage für Aufstieg und sozialen Ausgleich in einer offenen Gesellschaft. In den unteren Klassen der Schulen kann das Tragen von Atemschutzmasken kaum durchgehalten werden. Auch mit den Abstandsregeln wird man sich schwertun, selbst wenn Klassen im Wechselunterricht geteilt werden sollten (was auch wegen des Lehrermangels kaum gehen wird). So ist eine leicht steigende Verbreitung des Virus durch offene Schulen nicht ganz auszuschließen. Kinder, die selber gesund bleiben, könnten es unwissentlich an Eltern und Großeltern weitergeben. Forscher in Irland und in den Niederlanden haben allerdings keinen einzigen Fall ermitteln können, in dem Kinder das Virus auf ihre Familien übertragen hatten. Die Gesundheitsbehörde der EU hat deswegen den Standpunkt vertreten, dass eine Übertragung von einem Kind auf Erwachsene außerordentlich ungewöhnlich wäre. Das sind noch vorläufige Feststellungen, aber sie sollten den entschlusslosen Politikern Mut machen, Kitas und Grundschulen als Erste wieder zu öffnen.
Sicher wird man dabei auch Einschränkungen beachten müssen. Lehrern aus besonderen Risikogruppen sollte weiter erlaubt werden, von zu Hause aus zu unterrichten. Im Schulbetrieb sollten alle unterstützt werden von Fachleuten der Gesundheitsämter wie der Schulbehörde, vor allem, wenn dann im zweiten Zuge bald auch die älteren Schüler wieder zum Unterricht erscheinen. Die Sommerferien sollten verkürzt werden. Gut geschulte und sozial erprobte Kinder wie Jugendliche sind das wichtigste Gut unserer Gesellschaft.
Schreiben Sie an:
ippen@ovb.net