Wo das Virus schon vertrieben wurde

von Redaktion

Während das Virus sich in Deutschland weiter ausbreitet, gehen die Zahlen in einigen Regionen gegen null. Wie kommt das und wie gehen die Verantwortlichen damit um?

VON MARC BEYER

München – Das Bürgertelefon im Kreis Dithmarschen bleibt am Wochenende jetzt ausgeschaltet. Zuletzt war es nur noch eine Handvoll Anrufer, die ein Anliegen hatten, da lohnte der Aufwand nicht mehr. Es ist nicht so, dass hier oben, im westlichen Schleswig-Holstein, die Leute sich nicht für das Coronavirus interessieren. Aber das Zeitfenster von Montag bis Freitag, acht bis 15 Uhr, reicht mittlerweile völlig.

Seit mehr als 14 Tagen sind im Landkreis Dithmarschen keine neuen Fälle mehr registriert worden. 54 gab es insgesamt, drei Personen sind gestorben, die meisten anderen genesen. In den nächsten Tagen kann es sein, dass Landrat Stefan Mohrdieck den Kreis zur Corona-freien Zone erklären kann.

Während sich nahezu das gesamte Land im Klammergriff des Virus zu befinden scheint, gibt es einige wenige Regionen, wo die Zahlen gegen null tendieren. Mohrdieck kann sogar ein „Erfolgsrezept“ nennen, weist aber darauf hin, dass es für das gesamte Bundesland gilt. In Schleswig-Holstein sei schon früh der Tagestourismus verboten worden, zudem durften bereits Mitte März Zweitwohnungen nicht mehr aufgesucht werden. „Das hat für Unruhe gesorgt, insbesondere bei den Hamburgern.“ Aber im Nachhinein war es richtig so.

Landstriche wie dieser, mit wenigen Einwohnern auf viel Fläche, sind weniger anfällig für Ansteckungskrankheiten. „Reiserückkehrer aus Ischgl hatten wir hier auch“, sagt Mohrdieck. Aber als die Keime erst mal da waren, waren sie doch recht schnell unter Kontrolle. Dithmarschen liegt abseits der gängigen Routen, „wir sind kein Durchreiseland“.

Mittlerweile gibt es ein knappes Dutzend Städte und Kreise in Deutschland, in denen es keine neuen Fälle mehr gibt. In den allermeisten ist es so ruhig wie in Dithmarschen: Wesermarsch und Wittmund (Niedersachsen), der Altmarkkreis-Salzwedel in Sachsen-Anhalt oder der brandenburgische Landkreis Prignitz. Als der Rostocker OB seine Stadt Corona-frei nannte, sorgte das deshalb für umso mehr Aufsehen. In einem solchen Ballungsgebiet erwartet man vieles, aber keine Keimfreiheit.

Auch in Pirmasens in der Pfalz, immerhin eine 42 000-Einwohner-Stadt, wächst die Zahl der Infizierten seit bald einer Woche nicht mehr. 167 Fälle gibt es, ein bis zwei Dutzend sind noch infiziert, drei Menschen starben. Das Frappierende ist, dass Pirmasens an Frankreich und das Elsass grenzt, einen der ersten europäischen Corona-Hotspots. Die Lage, sagt OB Markus Zwick, führte dazu, „dass wir sehr früh reagiert haben“. Grenzen wurden geschlossen und Einschränkungen verfügt, die zum Teil weit über die ersten Maßnahmen des Landes Rheinland-Pfalz hinausgingen. In den Altenheimen galten schon Betretungsverbote, als anderswo die Türen noch offen waren, größere Veranstaltungen wurden früh unterbunden. Auch jetzt geht man einen Schritt weiter. In der Stadtverwaltung herrscht Maskenpflicht, so streng sind nicht alle Kommunen in Rheinland-Pfalz.

Hinzu kam in Pirmasens, dass das Coronavirus gleich am Anfang prominent einschlug. Ein Rathausmitarbeiter infizierte sich, was für Zwick persönliche Folgen hatte: „Wir als Stadtvorstand wurden komplett unter Quarantäne gestellt. Da war gleich ein ganz anderes Bewusstsein in der Stadt.“

Es gibt unterschiedliche Schlüsse, die man aus den positiven Zahlen ziehen kann. Der Pirmasenser OB will so schnell keine Fesseln lockern, weil die Disziplin sich bisher ausgezahlt hat, sein Rostocker Kollege erwägt hingegen, der Gastronomie den Ausschank unter freiem Himmel unter Auflagen zu erlauben. In Dithmarschen wiederum denkt man ein paar Nummern kleiner. Das meiste geschieht im Einklang mit der Landesregierung, nur bei der Öffnung der Spielplätze könnte sich Landrat Mohrdieck etwas mehr Tempo vorstellen. In Kiel täte man sich da wohl schwerer, weil Dutzende von Kindern auf einen Spielplatz kämen: „Bei uns sind es vielleicht drei.“

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