Berlin/München – Horst Seehofer ist noch da. Es geht ihm gut, er ist gesund. Damit das alle zur Kenntnis nehmen, lässt er seinen gepanzerten Dienstwagen vor das Ministerium rollen, schaltet das Blaulicht ein, lehnt sich an die offene Tür und blickt in die Kamera eines Fotografen.
Damit wäre einer der größeren Vermisstenfälle der letzten Tage glücklich geklärt. Der Bundesinnenminister wurde in der Corona-Debatte über Wochen kaum gesehen oder gehört, selbst die Opposition fahndete schon nach Seehofer. „Bizarr und ahnungslos“ nennt er Vorwürfe, abgetaucht zu sein. Er halte sich schlicht an die Vorgaben der Regierung, „ich begrenze meine öffentlichen Kontakte“, sagt der frühere CSU-Chef nun im Interview mit der „Bild am Sonntag“. Er sei „durch mein Alter und Vorerkrankungen doppelt gefährdet“, halte deshalb besonders genau Abstand. Und: „Ich nutze ein Fernsehstudio nicht als mein Wohnzimmer.“
Am gleichen Sonntagmorgen sieht man ihn zwar am „Stammtisch“ des BR sitzen. Spannend ist aber, dass der 70-Jährige nach seiner Sendepause durchaus etwas zu sagen hat. Er stellt sich klar gegen Lockrufe aus Österreich, bald wieder mit grenzüberschreitendem Tourismus zu beginnen. „Solange das Virus keinen Urlaub macht, müssen auch wir uns mit unseren Reiseplänen beschränken.“
Seehofer wendet sich explizit gegen Österreichs Kanzler Sebastian Kurz, der sonst in der CSU verehrt wird. Kurz will für deutsche Touristen die Grenze öffnen. Seehofer nennt das im BR einen „eigenartigen Vorschlag“, unterstellt indirekt finanzielle Motive („da stecken andere Gedanken dahinter“) und sagt: „Leichtsinnige Öffnungen, die später in Gestalt erhöhter Ansteckungszahlen zurückschlagen, helfen niemandem.“ Mit Blick auf ein Rauf- und Runterfahren des Tourismus sagt er: „Wenn wir wieder zurückfallen, ist es auf absehbare Zeit vorbei.“ Er dämpft damit auch Rufe aus CDU, SPD und Grünen vor allem im Westen der Republik, die Grenzen insbesondere zu Frankreich zu öffnen.
Seehofer liegt da einigermaßen auf Linie mit Bundesaußenminister Heiko Maas. Der SPD-Minister hatte die weltweite Reisewarnung kürzlich bis Mitte Juni verlängert, also bis zum Ende der Pfingstferien in Bayern. „Es darf keine Schnellschüsse geben“, warnt Maas seit Tagen. Und droht: „Wir können und werden im Sommer nicht noch einmal eine Viertelmillion Menschen aus dem Urlaub zurückholen.“ Richtung Österreich sagte er unlängst: Volle Berghütten werde es diesen Sommer nicht geben.
Momentan sind die Touristenhotels in ganz Europa dicht. Öffnungsdaten haben aber Österreich (Ende Mai), Griechenland (Juni) und Spanien (Mitte Mai schrittweise für Inländer) angekündigt.
Seehofer tritt insgesamt für einen eher strikten Corona-Kurs ein. Indirekt warnt er davor, eine Debatte aufzumachen, ob die Anliegen der Wirtschaft nicht höher anzusetzen sind als das Leben. „Der Schutz des Lebens ist für mich immer noch das höchste Gut. Das rechtfertigt auch Eingriffe in die Bewegungsfreiheit und darf vor allem niemals gegen wirtschaftliche Interessen abgewogen werden.“ Er weiß: Unionspolitiker wie Armin Laschet sehen das ganz anders.
Eine spannende Aussage trifft der ehemalige CSU-Chef übrigens zu den Regierungschefs. Über Markus Söder, den alten Rivalen, sagt er, dieser mache „seine Sache sehr gut. Bayern steht blendend da.“ Kanzlerin Angela Merkel lobt er fast hymnisch: Sie führe sehr stark und teamorientiert. „Wir können froh sein, dass wir in dieser Situation eine solche Kanzlerin an der Spitze unseres Landes haben.“ Und, auf die Frage, ob sie noch eine Amtszeit dranhängen solle: „Ich kann nicht bestreiten, dass ich diesen Gedanken in letzter Zeit öfter gehört habe.“ Aus der Bevölkerung vernehme er häufig die Meinung: „,Mensch, die macht doch das toll. Wieso muss die eigentlich aufhören?‘ Ich kann nur die Frage wiederholen.“