Südeuropa öffnet – ein bisschen

von Redaktion

Endlich wieder Cappuccino – aber nur zum Mitnehmen. Im Corona-geplagten Italien, aber auch in Spanien beginnt eine vorsichtige Öffnung. Von Normalität ist man aber noch ein gutes Stück entfernt.

VON JULIUS MÜLLER-MEININGEN UND EMILIO RAPPOLD

Rom/Madrid – Sergio Paolantoni ist Eigentümer des berühmten Caffè Palombini in Rom. Die geräumige Traditions-Bar im EUR-Viertel, in der exquisite Süßspeisen wie cremegefülltes Plundergebäck feilgeboten werden, ist eine Institution in Rom. An wenigen Orten schmeichelt der Cappuccino-Milchschaum dem Gaumen so wie hier. Zwei Monate lang hatte Paolantoni geschlossen, an diesem Montag macht er wieder auf. Italien lockert dann die in Folge der Corona-Pandemie getroffenen Quarantänemaßnahmen. Am Telefon sagt Paolantoni: „Es ist ein Anfang, ein Neuanfang.“

Zwei Monate lang verzichteten die Italiener wegen der Corona-Pandemie auf die meisten Aktivitäten außerhalb ihrer vier Wände. Mit bisher rund 29 000 Corona-Todesopfern ist das Land besonders stark betroffen. Mancherorts macht sich nun ein Gefühl der Befreiung breit. In Rom säumten am Wochenende hunderte Spaziergänger die bis vor Tagen noch menschenleeren Straßen, Spazierengehen und sportliche Betätigung war bereits seit einigen Tagen in der Nähe der eigenen Wohnung erlaubt.

Ab heute sollen Parks öffnen, Sport darf wieder ohne räumliche Beschränkungen betrieben werden. Die Luft in der Stadt ist wegen des zurückgegangenen Verkehrs so sauber wie seit Jahrzehnten nicht. Das dürfte sich mit der Aufnahme zahlreicher Tätigkeiten bald ändern.

Die Römer, aber auch viele andere Italiener, scheinen sich besonders auf ein Ritual zu freuen: den morgendlichen Caffè oder Cappuccino in der Bar. Zwar dürfen Speiselokale ihre Kundschaft erst ab Juni wieder drinnen bewirten. Der Espresso „to go“ oder Pizza zum Mitnehmen ist ab sofort wieder möglich.

Seit Tagen bereitet man sich bei Palombini in Rom vor. Klebestreifen zeigen den nunmehr getrennten Ein- und Ausgang an. Ein Mitarbeiter lässt die Kunden, die Mundschutz tragen müssen, einzeln ein. Drei Kunden gleichzeitig dürfen bei zwei Meter Abstand am langen Tresen ihre Bestellungen aufgeben. Cappuccino und Cornetto müssen dann außerhalb verzehrt werden, aber nicht direkt vor dem Lokal, um Menschenansammlungen zu vermeiden. „Von Freude kann keine Rede sein“, sagt Paolantoni. Er habe 70 Angestellte, von denen ab Montag gerade einmal sieben wieder im Einsatz sind.

Insgesamt nehmen am Montag etwa fünf Millionen Menschen in Italien ihre Arbeit wieder auf. Während viele kleine Geschäfte noch geschlossen bleiben müssen, kann in der Baubranche, im Großhandel oder im verarbeitenden Gewerbe mit speziellen Sicherheitsvorkehrungen wie Mundschutz oder Abständen wieder gestartet werden. Auch das exportorientierte Gewerbe nimmt seine Tätigkeit auf. Vom Autokauf bis zum Reifenwechsel ist wieder vieles möglich. Italiens Schulen bleiben aber bis September geschlossen.

Auch Spanien tastet sich langsam in die Normalität. Die ersten Lockerungen sorgten am Wochenende für Partystimmung und volle Straßen. Noch bis kurz vor Mitternacht strömten die Menschen am Samstag zahlreich und ausgelassen ins Freie. Erstmals seit Mitte März durften die knapp 47 Millionen Bürger aus dem Haus, um spazieren zu gehen oder Sport zu treiben. Strandpromenaden wie das Paseo Marítimo in Barcelona füllten sich schon frühmorgens mit Radfahrern, Joggern und Spaziergängern. In Madrid sah man vor allem auf großen Straßen wie der Gran Vía oder dem Paseo de la Castellana sehr viele Menschen.

Die neue Freiheit gibt es aber nur in Zeitfenstern. Die meisten Erwachsenen und Jugendliche zwischen 14 und 18 Jahren dürfen nur zwischen 6 und 10 sowie zwischen 20 und 23 Uhr aus dem Haus. Über 70-Jährige dürfen zwischen 10 und 12 sowie zwischen 19 und 20 Uhr raus. Kinder unter 14 dürfen von 12 bis 19 Uhr vor die Tür – mit nur einem Elternteil.

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