Washington – Westliche Geheimdienste halten die Theorie von einem Laborunfall als Ursprung der Corona-Pandemie für „höchst unwahrscheinlich“. Der US-Nachrichtensender CNN zitierte gestern drei Quellen, die anhand von Erkenntnissen der Geheimdienst-Allianz „Five Eyes“ entsprechenden Verdächtigungen von US-Präsident Donald Trump und Außenminister Mike Pompeo über das Virus Sars-CoV-2 widersprachen. Der Allianz gehören Geheimdienste aus den USA, Großbritannien, Australien, Kanada und Neuseeland an.
„Es ist höchst wahrscheinlich, dass es auf natürliche Weise aufgetreten und die Infektionen von Menschen durch natürliche Interaktion zwischen Mensch und Tier erfolgt ist“, zitierte der Sender einen Diplomaten. Am Sonntag hatte Pompeo dem US-Sender ABC gesagt, es gebe „signifikante“ Belege, dass die Krise in einem Labor in der chinesischen Stadt Wuhan ihren Anfang genommen habe.
CNN zitierte eine weitere Quelle, die erklärte, dass diese Äußerungen weit über die gegenwärtige Einschätzung der „Five-Eyes“-Länder hinausgingen. Er wollte die Möglichkeit nicht ausschließen, sagte aber, dass noch nichts vorliege, das die Theorie eines Laborunfalls berechtigen könnte. Auch China hatte die Theorie zurückgewiesen. Kommentare in chinesischen Staatsmedien sahen eine Strategie der US-Regierung, China die Schuld zuzuschieben, um von eigenen Versäumnissen in der Pandemie abzulenken.
Der prominente US-Regierungsberater und Immunologe Anthony Fauci glaubt auch nicht, dass das Virus künstlich erzeugt wurde. „Viele sehr qualifizierte Biologen haben gesagt, dass alles über die schrittweise Evolution mit der Zeit stark darauf hindeutet, dass es in der Natur entstanden ist und die Artengrenze überwunden hat“, sagte Fauci dem Magazin „National Geographic“. Er hält auch nicht viel von der Theorie, dass das Virus aus dem Labor entwichen sein könnte.
Die USA sind weltweit am meisten von Corona betroffen. Gestern warnte die US-Gesundheitsbehörde CDC vor einer weiteren Zuspitzung der Krise. Die Zahl der täglichen Neuinfektionen könnte bis Anfang Juni laut der internen Prognose um das Achtfache auf 200 000 steigen, wie „New York Times“ und „Washington Post“ berichteten. Die Zahl der täglich verzeichneten Todesfälle könnte demnach deutlich auf etwa 3000 anwachsen. Einige Bundesstaaten und Bezirke seien nicht aggressiv genug gegen die Ausbreitung vorgegangen oder hätten Restriktionen zu rasch gelockert, hieß es. Gestern überstieg die Zahl der Toten die Marke von 70 000.
Der US-Präsident dringt auf eine schnelle Rückkehr zur Normalität. Gestern wollte Trump eine Fabrik in Phoenix/Arizona besuchen, in der medizinisches Material hergestellt wird. Es ist inmitten der Corona-Pandemie seine erste größere Reise seit Wochen. Der Präsident hatte das Weiße Haus zuletzt kaum verlassen. Er sucht sechs Monate vor der Präsidentschaftswahl wieder die Nähe zu Wählern und will bald auch nach Ohio reisen. Erwartet wird, dass es sowohl dort als auch in Arizona bei der Wahl ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen Trump und seinem demokratischen Herausforderer Joe Biden geben wird. dpa/afp