Washington – US-Präsident Donald Trump hasst es, mitten in der Coronavirus-Pandemie eine Gesichtsmaske zu tragen. Für ihn würde es ein Signal der Schwäche sein. Es wäre ein Eingeständnis an Millionen Stammwähler im konservativen Lager, dass der Staat die Verhaltensregeln vorgibt – und der Einzelne, wie es viele Republikaner unter Verweis auf persönlichen Freiheiten fordern, nicht allein entscheiden darf, ob er an Corona sterben will.
Auch am Wochenende war die Maske für Trump bei einem Treffen mit seinen wichtigsten Militärs und Kabinettsmitgliedern kein Thema. Ungeachtet der Tatsache, dass es zuvor zwei Hiobsbotschaften gegeben hatte. Zunächst war einer seiner Butler, ein Soldat, positiv getestet worden. Stunden später folgte die Nachricht, dass die Sprecherin von Vize Mike Pence, Katie Miller, infiziert ist. Besonders pikant dabei: Sie ist mit Stephen Miller verheiratet, einem der engsten Berater und Redenschreiber des Präsidenten.
Das wirft die Frage auf, wie weit sich der Virus bereits im „West Wing“, dem Herz der Regierungszentrale, verbreitet hat. Noch am Donnerstag war Katie Miller im Rosengarten des Weißen Hauses zu sehen – unter anderem neben First Lady Melania Trump, die mittlerweile ebenfalls getestet worden sein soll. Miller trug keine Gesichtsmaske und unterhielt sich mit anwesenden Journalisten und anderen Regierungsmitarbeitern. Auch Millers Chef Mike Pence trug, wie zuvor bei vielen anderen Terminen, keine Maske. Pence und Trump werden Berichten zufolge mittlerweile täglich getestet.
Die Rosengarten-Veranstaltung schlägt nun erhebliche Wellen. Am Wochenende begab sich der wichtigste Trump-Berater in Sachen Pandemie, Seuchenexperte Anthony Fauci, in Selbstisolierung, nachdem er offenbar ebenfalls Miller zu nahe gekommen war. Auch der Direktor des Epidemie-Bekämpfungszentrums CDC, Robert Redfield, und der Chef der US-Ernährungs- und Pharmabehörde FDA, Stephen Hahn, zogen sich vorsichtshalber aus dem öffentlichen Umgang zurück.
In den US-Medien sorgt angesichts der zunehmenden Negativmeldungen für Kritik, dass am Freitag bei einem weiteren Termin Trump erneut keine Maske getragen hatte. Er war mit betagten Kriegsveteranen im Alter zwischen 96 und 100 Jahren – einer Risikogruppe, bei der eine Infizierung häufig tödlich endet – zusammengekommen. Trump hatte in Washington einen Kranz zum Gedenken an das Ende des Zweiten Weltkriegs vor 75 Jahren niedergelegt.
Später erklärte der Präsident, es sei dabei ein Sicherheitsabstand eingehalten worden. Zudem habe starker Wind geherrscht, der in eine Richtung geweht habe, dass keine Viren die Veteranen hätten erreichen können.
In den USA sind bis zum Wochenende mehr als 77 000 Menschen am Coronavirus gestorben, was bei einer Bevölkerungszahl von rund 325 Millionen Menschen einen Prozentsatz von 0,025 Prozent ausmacht. Seit Beginn der Krise sieht sich der Präsident vor allem von Seiten der Opposition scharfer Kritik an seiner Pandemie-Bekämpfung ausgesetzt.
Diese Vorwürfe eskalierten am Wochenende in Aussagen des Trump-Vorgängers Barack Obama, die in einem privaten Gespräch gefallen waren und dann offensichtlich bewusst Medienvertretern zugespielt wurden. Obama hatte gegenüber früheren Mitarbeitern formuliert, Trumps Reaktion auf Corona sei ein „chaotisches Desaster“ gewesen. Er kritisierte, in Trumps unangemessenen Reaktionen auf die Herausforderungen der Pandemie spiegele sich eine Denkweise des „Was ist für mich drin“ und „Zum Teufel mit allen anderen“ wider. Egoismus und Feinddenken sei zu einem „stärkeren Impuls im amerikanischen Leben geworden“. Normalerweise vermeiden Präsidenten öffentliche Kritik an ihren Nachfolgern.