Der R-Wert: Kaum eine Zahl polarisiert so wie diese. In den vergangenen Tagen sorgte sie für reichlich Wirbel, weil sie kontinuierlich anstieg – von zuletzt 0,65 bis auf 1,13. Der R-Wert – auch Reproduktionszahl genannt – gibt an, wie viele Menschen ein Infizierter in einem bestimmten Zeitraum im Durchschnitt ansteckt. Je niedriger R ist, desto besser. Liegt R unter 1, steckt ein Infizierter im Schnitt weniger als einen anderen Menschen an – und die Epidemie läuft aus. Liegt R über 1, steckt ein Infizierter im Mittel hingegen mehr als einen anderen Menschen an – die Zahl der Neuinfektionen wird größer. So weit, so klar.
Doch die Aussagekraft des R-Werts ist umstritten. Selbst das Robert-Koch-Institut (RKI) betont, es könne „weiterhin noch nicht bewertet werden, ob sich der während der letzten Wochen sinkende Trend der Neuinfektionen weiter fortsetzt oder es zu einem Wiederanstieg der Fallzahlen kommt“. Das liege zum einen an den statistischen Schwankungen, die durch die insgesamt niedrigeren Zahlen verstärkt würden. Zudem bildet die Angabe, dass ein Infizierter im Schnitt 1,13 weitere Menschen ansteckt, nicht die momentane Situation ab. Der Wert bezieht sich auf Infektionen schon vor einer gewissen Zeit. Und er kann nicht losgelöst von der Zahl der Neuinfektionen und der Schwere der Erkrankungen gesehen werden. Auch die Zahl der Tests spielt eine Rolle: Werden mehr Infektionen entdeckt, steigt der R-Wert (allerdings auch, anders als derzeit, die absolute Zahl). Ende April hat das RKI mehrere Parameter geändert.
Auch Dirk Brockmann, Experte für Modellierungen von Infektionskrankheiten an der Humboldt-Universität in Berlin, betont, der R-Wert sei nur eine grobe Schätzung. Trotzdem lasse sich aus dem Anstieg eine Hypothese ableiten. Er geht davon aus, dass sich darin widerspiegelt, dass die Menschen bereits vor den zuletzt beschlossenen Lockerungen langsam zu mehr Normalität zurückgekehrt sind. Man treffe sich mehr, sei mehr unterwegs. Das führe zu mehr Ansteckungen. Im Großen und Ganzen pendele der R-Wert aber noch um 1 herum. Die Entwicklung müsse über einen längeren Zeitraum beobachtet werden. Die Fallzahlen: Wie viele Menschen sich tatsächlich angesteckt haben, ist eine zentrale Zahl. Weil die Infektion meldepflichtig ist, lässt sich auch regional recht präzise die Zahl der Infizierten ermitteln. Dabei muss man allerdings genau hinschauen. Die Gesamtzahl der Infektionen besagt ja nicht, wie viele Menschen akut krank sind: Die Mehrzahl der Infizierten ist wieder gesund, ein kleinerer Teil ist verstorben. In Zahlen der Johns-Hopkins-Universität: weit über 170 000 Infizierte in Deutschland, annähernd 150 000 gesundet, unter 8000 Tote. Gefahr bei den Fallzahlen: Es gibt eine hohe Dunkelziffer, weil das Coronavirus bei vielen Menschen ohne oder mit geringen Symptomen abläuft, sie also nichts bemerken oder sich nicht testen lassen.
Die Neuinfektionen: Wie viele Menschen infizieren sich neu? Diese Zahl sinkt seit Anfang April tendenziell. Am Montag meldete das RKI 667 Fälle. Hier gibt es immer mal wieder Ausschläge, auch wenn am Wochenende in den Behörden verzögert gearbeitet wird. Auch hier gilt das Risiko der Dunkelziffer. Die Obergrenze: Dieser Begriff ist neu in der Debatte. Für eine Art Notbrems-Mechanismus zur regionalen Rücknahme von Lockerungen hat die Politik 50 Neuinfektionen pro 100 000 Einwohner binnen sieben Tagen gewählt. Nur einzelne Landkreise in Deutschland haben den Wert statistisch erreicht, die Stadt Rosenheim ist wieder bei 49. Die Zahl 50 ist willkürlich gesetzt, der Bund hatte erst 35 vorgeschlagen.
Die Verdoppelungszeit: Als die Zahl der Infektionen noch sprunghaft stieg, war die Zeitspanne interessant, in der sich die Fallzahlen verdoppeln. Dieser Wert steigt (das Tempo der Neuinfektionen sinkt), nach jüngsten Zahlen sind es bundesweit 124 Tage. Die Toten: Diese absolute Zahl gilt als relativ präzise – unbemerkt stirbt zumindest in Deutschland kaum jemand an Corona. Doch auch hier gibt es Unterschiede. Deutschland zählt, wer an Corona starb; aber auch, wer mit Corona starb, wo also eine Infektion vorlag, aber das Virus in letzter Konsequenz nicht für den Tod verantwortlich ist. In der Statistik fehlen indes Menschen, die an einer anderen Ursache gestorben sind, weil sie sich aus Angst vor Corona nicht zum Arzt trauten oder weil ihre Behandlung verschoben wurde. Dafür ist keine Zahl bekannt. Die Sterblichkeit: Wie viele Infizierte am Virus sterben, wäre interessant – da existiert aber noch keine verlässliche Zahl, weil viele Infektionen unentdeckt verlaufen. Eine nicht unumstrittene Studie aus dem Kreis Heinsberg spricht von 0,37 Prozent.
Die Übersterblichkeit: Auch ein wundersamer Begriff. Dahinter versteckt sich die Frage: Sterben wegen Corona mehr Menschen als sonst? Eine Übersterblichkeit liegt laut Statistikamt vor, wenn in einem Zeitraum mehr Menschen sterben als anhand der Daten der vergangenen Jahre zu erwarten gewesen wäre. Konkret: Jede Woche sterben in Deutschland, ganz grob gesagt, ungefähr 20 000 Menschen. Seit Ende März liegt die wöchentliche Toten-Zahl über dem Durchschnitt aus den Jahren 2016 bis 2019, ein Plus von bis zu 2000 Fällen. Die Zahlen aus dem schweren Grippewinter 2017/18 lagen in der Spitze allerdings vor Anfang April noch höher. Insgesamt ist die Übersterblichkeit in Deutschland bisher eher gering. In New York ist sie extrem ausgeprägt.
Die Testzahl: Natürlich ist bei der Zahl der Infizierten wichtig, wie viel getestet wurde. Faustregel: Wer ganz wenig testet, wird wenig finden. Bis Anfang Mai wurden bundesweit 2,76 Millionen Tests gemeldet, 6,8 Prozent positiv.
Die Klinik-Kapazitäten: Das Intensiv-Register, das vom RKI veröffentlicht wird, meldet (Stand 10. Mai) 31 430 Intensivbetten, von denen 61 Prozent belegt sind. Rund 20 Prozent der erkannten Infizierten müssen ins Krankenhaus, rund fünf Prozent werden auf Intensivplätzen beatmet.