Berlin – Das Robert Koch-Institut (RKI) bewertet den Wiederanstieg der sogenannten Reproduktionszahl über die Schwelle von 1 zurückhaltend. Sie könne auch künftig um 1 herum schwanken, der Verlauf müsse beobachtet werden, sagte RKI-Vizepräsident Lars Schaade. Ursache sei, dass sich die Zahl täglicher Neuinfektionen kaum mehr verringere und sich einem Plateau nähere. Es sei daher umso wichtiger, die Hygieneregeln weiter einzuhalten. „Das Virus ist nicht weg“, betonte Schaade. Die Gefährdung sei aber deutlich geringer als vor vier Wochen.
Inzwischen beeinflussten einzelne große Ausbrüche wie zuletzt in Schlachthöfen den Wert stärker als bei insgesamt höheren Infektionszahlen, erklärte Schaade. „Wir können abschätzen, dass diese jüngsten Ausbrüche die Reproduktionszahl angehoben haben.“ In Coesfeld stieg die Zahl der positiv getesteten Westfleisch-Mitarbeiter gestern auf 260. Seien die Ausbrüche unter Kontrolle, könne der R-Wert wieder sinken. Dauerhaft solle der R-Wert nicht deutlich über 1 bleiben, sonst nähmen die Fallzahlen zu. Bei Werten von 1,2 oder 1,3 über längere Zeit müsse man sehr genau hinschauen und sich über das Gegensteuern Gedanken machen.
Das RKI will künftig zusätzlich einen sogenannten geglätteten R-Wert mitteilen, bei dem Schwankungen besser ausgeglichen würden. Dies sei besser geeignet, um längerfristige Trends abzubilden. „In der vergangenen Woche lag dieser stabile R-Wert an keinem Tag über 1“, betonte Schaade.
In der vergangenen Woche seien dem RKI zwischen 700 und 1300 neue Corona-Infektionen pro Tag übermittelt worden, am Montag knapp 1000. „Die Zahlen bleiben also in etwa vergleichbar mit den Zahlen der letzten Woche.“ Geringere Werte an Wochenenden gelten wegen Meldeverzugs durch die Gesundheitsämter und geschlossener Arztpraxen als üblich.
Laut Schaade muss es kein Widerspruch sein, wenn die Tendenz der Neuinfektionen sinkt, die Reproduktionszahl (R-Wert) gleichzeitig aber etwas steigt. Der R-Wert bilde jeweils das Infektionsgeschehen etwa eineinhalb Wochen zuvor ab: der am Montag gemeldete Wert von 1,07 zum Beispiel die Situation in der Zeit vom 28. April bis 3. Mai. Das bedeutet, dass ein Infizierter im Mittel etwas mehr als eine Person ansteckt.
Die Neuerkrankungen der vergangenen drei Tage würden in die Schätzung nicht einberechnet, da es erfahrungsgemäß noch Nachmeldungen und somit starke Schwankungen gebe. Der R-Wert sei auch nur einer von mehreren Parametern in der Beobachtung, so Schaade. Das Testverhalten beeinflusse den R-Wert nur bei abrupten Veränderungen. In der Kalenderwoche 18 seien etwa 330 000 Corona-Tests bundesweit durchgeführt worden, der Anteil der positiven Ergebnisse sei dabei weiter gesunken, auf nun etwa 4,5 Prozent. Dies deute auf das gewünschte sensitive Testen hin.
Noch eine Kehrtwende vollzog das RKI, dem zuletzt viel Kritik wegen wechselnder Einschätzungen entgegengeschlagen war: Nachdem das Institut zuletzt eine zweite und dritte Infektionswelle noch für „wahrscheinlich“ hielt, bezeichnete Schaade sie nun als „vermeidbar“, wenn die Bürger die Vorsichtsmaßnahmen einhielten.