Die kleinen Grenzen und die große Frage

von Redaktion

Mini-Übergänge zu Österreich öffnen wieder – Touristen sollen aber erst ab 15. Juni rüberfahren

München – Der kleine Grenzverkehr kann sehr kompliziert sein. Im April machte das Bergdorf Hinterriß europaweit Schlagzeilen. Wegen der Grenzkontrollen war der Weg in das nur von Deutschland aus erreichbare österreichische Dorf praktisch abgeschnitten. Damit wenigstens die Post ohne Riesenumweg zugestellt werden konnte, trafen sich wochenlang Postbote und Ortsvorsteher fast konspirativ an der Schranke, schoben Briefe und Päckchen darunter durch.

Für Hinterriß und andere Enklaven wurde schließlich eine Lösung gefunden. Jetzt soll sich schrittweise auch die Lage an anderen Mini-Übergängen entspannen. Am Mittwochmorgen legte die Bundespolizei eine Liste zusätzlicher Übergänge vor. Es ist ein ziemliches Klein-Klein. Reisende können nun tagsüber bei Breitenberg, Obernberg sowie bei Passau-Voglau die Grenze übertreten. Im Allgäu wird der Übergang Oberjoch-Schattwald geöffnet. Bei Reit im Winkl und Griesen werden zumindest die Zeitfenster für Pendler erweitert. An einer Handvoll Übergängen, darunter in Oberbayern Wildbichl, dürfen Land- und Forstwirte mit Sondergenehmigung über die Grenze.

Es sei eine „große Erleichterung“ für Menschen und Wirtschaft im grenznahen Raum, verbreitet Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU). Das mag regional stimmen. Die große Frage schwebt aber über all den Grenz-Debatten: Dürfen neben Pendlern und Bauern auch die Touristen über die Grenze? Die offizielle Antwort ist klar: Nein, nicht vor 15. Juni. Weil aber gleichzeitig schon ab dem Wochenende auch an den großen Grenzen nach Österreich nur noch stichprobenartig kontrolliert werden soll, ist die Versuchung da – für Tagestouren oder sogar in eines der Hotels, die in Österreich ja ab 29. Mai wieder öffnen dürfen.

Trotzdem gibt es keine Aufforderung aus Wien, schon rund um Pfingsten durch die halboffenen Schlagbäume zu schlüpfen. Tourismus-Ministerin Elisabeth Köstinger (ÖVP) hatte zwar schon um Ostern für Öffnungen geworben, spricht nun aber brav von 15. Juni für Touristen. „Vorerst“, ergänzt ihr Ministerium auf Nachfrage. An Details der Ausgestaltung werde von mehreren Ressorts noch gearbeitet.

Zudem schallt aus Bayern den Ruf: Hierbleiben. Innenminister Herrmann hat mit der Quarantäne-Verordnung ein mächtiges Instrument in der Hand. Wer aus Österreich heim fährt und entdeckt wird, muss offiziell 14 Tage in Quarantäne. Auch Bayerns Touristiker raten natürlich zum Heimaturlaub. Die Buchungen seien deutlich angezogen, vor allem im Umfeld von Bergen und Seen, sagt Klaus Stöttner, der Präsident des Tourismusverbands Oberbayern-München. Es gebe aber noch Kapazitäten. Über Pfingsten und Österreich sagt Stöttner: „Wer klug ist, versucht es gar nicht, sondern genießt mal das Premiumland Bayern.“

Im Hintergrund geht es bei den Touristen um Umsätze von hunderten Millionen Euro, mindestens. Der österreichische Tourismus ist stark abhängig von Gästen aus Deutschland. In der Sommersaison 2019 (Mai bis Oktober) entfielen 37,4 Prozent der 79 Millionen Übernachtungen auf deutsche Gäste, nur rund 30 Prozent auf Österreicher.

Nun wird der Wettstreit Bayern-Österreich wohl in der Sommer-Hochsaison mit Schwung ausgetragen, die Buchungen laufen bereits. Tirols Landeshauptmann Günther Platter (ÖVP) will diese Wochen nutzen, um das Ischgl-Image loszuwerden. „Dieser übertriebene Party-Tourismus ist nicht notwendig“, sagte er vor Journalisten. Es solle zudem „massive Testungen“ von Mitarbeitern in den Tourismusbetrieben geben. CHRISTIAN DEUTSCHLÄNDER

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