Europa in Corona-Zeiten

Halbherzige Grenzöffnung

von Redaktion

MIKE SCHIER

„Bundesregierung beschließt Lockerung der Grenzkontrollen.“ Die ersten verheißungsvollen Eilmeldungen der Nachrichtenagenturen entpuppten sich für den deutsch-österreichischen Grenzverkehr gestern bei näherem Hinsehen als halbe Enttäuschung. Ja, es werden wieder mehr Übergänge geöffnet. Ja, es soll nicht mehr ganz so streng kontrolliert werden. Aber nein: Noch immer darf man nur als Pendler, Schüler oder mit triftigen Gründen zwischen beiden Ländern hin- und herfahren. Wer in den Pfingstferien mit den Kindern eine Bergwanderung in den Alpen unternehmen möchte, darf bis Mittenwald fahren – aber nicht nach Scharnitz.

Natürlich ist im Angesicht von Corona weiter höchste Vorsicht geboten. Doch mit der Zahl der Neuinfektionen sind Reisebeschränkungen eigentlich nicht mehr zu rechtfertigen – am Dienstag beispielsweise wurden 29 Neuerkrankungen in ganz Österreich gemeldet. Und selbst, wenn es anders wäre: In einem vereinten Kerneuropa, wo sich die Menschen längst an ein grenzenloses Miteinander gewöhnt haben, sollte sich der Kampf gegen das Virus nicht an Ländergrenzen ausrichten. Sinnvoller wäre ein regional koordiniertes gemeinsames Vorgehen. Die Bundesregierung in Wien und die Staatskanzlei in München hatten diesen Gleichschritt – mit zeitlicher Verzögerung – eine Weile lang gut praktiziert.

Spätestens mit der Urlaubssaison im Sommer wird mehr über gesamteuropäische Rezepte nachgedacht werden müssen, die nicht nach Nationalstaaten, sondern nach regionalen Infektionsherden sortieren. Schließlich geht es für Spanien, Italien und Griechenland um existenzielle Einnahmen. Die EU-Kommission agiert bislang viel zu unambitioniert, dabei wäre sie jetzt gefragter denn je.

Mike.Schier@ovb.net

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