Moskau – So stark wie in keinem anderem Land steigen in Russland die Corona-Infektionen. Das flächenmäßig größte Land der Erde mit seinen rund 144 Millionen Einwohnern liegt inzwischen auf Platz zwei weltweit hinter den USA. Mehr als 10 000 neue Fälle kommen täglich hinzu. Und auch viele Russen fragen sich, wie die Zahlen trotz viel strengerer Maßnahmen als etwa in Deutschland so massiv steigen können. Zugleich verzeichnet das Riesenreich eine der niedrigsten Sterberaten – auf 242 271 Infektionen kommen aktuell gerade mal 2212 Todesfälle.
Wohl auch wegen der niedrigen Todesraten sprach Kremlchef Wladimir Putin zuletzt von einem insgesamt erfolgreichen Kurs in der Corona-Krise. Dennoch löste er Verwunderung aus, als er in dieser Woche zur Rückkehr an die Arbeitsplätze aufrief. Sechs Wochen Zwangsferien sind vorbei. Doch bei den Neuinfektionen gab es immer neue Rekorde. Sogar Regierungschef Michail Mischustin und Putins Sprecher Dmitri Peskow sind erkrankt.
Putin habe womöglich doch entschieden, dass es wichtiger sei, die Wirtschaft zu retten, hieß es in Kommentaren. Vor allem Kremlgegner um den Anti-Korruptions-Kämpfer Alexej Nawalny, aber auch prominente Politologen und Wirtschaftsexperten stellen dem Präsidenten in der Krise kein gutes Zeugnis aus. In dem Video „Wie Putin Russland mit dem Coronavirus angesteckt hat“ kritisiert Nawalnys Mitarbeiter Leonid Wolkow, dass der Präsident im März wertvolle Zeit vergeudet und bis heute keine Corona-Strategie habe. Seinen anfänglichen Vorsprung mit vergleichsweise wenigen Fällen habe Russland längst verspielt: „Der Fehler hat einen Namen, und er heißt Wladimir Putin.“
Zwar gelten etwa in Moskau strenge Ausgangssperren. Kontaktverbote wie in Deutschland gab es aber zu keiner Zeit. Vor allem über die Maifeiertage trafen sich zuletzt viele Russen zum Grillen und Trinken. Mediziner beklagen einen Mangel an Disziplin bei den Menschen. Moskaus Bürgermeister Sergej Sobjanin schätzte die Zahl der tatsächlich Infizierten in Moskau auf 300 000. Trotzdem ließ er in dieser Woche wieder hunderttausende Menschen zum Arbeiten auf die Baustellen und in die Industriebetriebe – mit Mundschutz und Handschuhen.
Dabei wehrte sich Moskaus Führung zuletzt gegen „Falschnachrichten“, dass die Zahlen in Russland insgesamt, aber besonders die der Toten geschönt seien. Vize-Regierungschefin Tatjana Golikowa betonte, tatsächlich seien die Sterbezahlen knapp 87 Prozent niedriger als im weltweiten Vergleich.
Kritiker hingegen sind überzeugt: Wer sonst etwa bei den Wahlen fälsche, manipuliere auch medizinische Daten. Die kremlkritische Zeitung „Nowaja Gaseta“ analysierte für Moskau, dass die Sterberate hier im April mit 11 846 Todesfällen um rund 20 Prozent über dem Durchschnitt der vergangenen Jahre gelegen habe. In dem Blatt erklärt ein Arzt, dass lediglich klare Fälle mit der Todesursache Covid-19 in die Corona-Statistik kämen.
Wer mit dem Virus an einer Lungenentzündung oder an einem Herzinfarkt stirbt, fällt – anders als in anderen Ländern – aus der Statistik heraus. So war es auch bei Russlands erstem Corona-Todesfall. Erst hieß es, eine 79-jährige Frau in Moskau sei an Covid-19 gestorben. Später ruderten die Behörden zurück. Schuld sei eine Thrombose gewesen.