Die USA wollen Soldaten aus Deutschland abziehen – gleichzeitig befindet sich das Land durch Corona und die Rassen-Unruhen unter Druck. Darüber sprachen wir mit Sascha Lohmann von der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP).
Herr Lohmann, markiert die Corona-Krise das oft vorhergesagte Ende der USA als Weltmacht?
Zunächst einmal zeigt diese Krise, dass wir es in den USA mit einer extremen Führungsschwäche zu tun haben, insbesondere in Person des Präsidenten. Hinzu kommt, dass die US-Gesellschaft mit ihrem löchrigen Netz sozialer Sicherung und der lückenhaften Gesundheitsversorgung anfällig war, um sehr stark von einer solchen Katastrophe getroffen zu werden. Was den Abgesang auf eine Weltmacht betrifft, bin ich vorsichtig, weil eine Weltmacht verschiedene Rollen haben kann – zum Beispiel die politische Führerschaft oder die wirtschaftliche Vorherrschaft.
Was das Politische betrifft, stellt Trump die internationale Ordnung infrage – die Nato oder die WHO. Stoßen die Chinesen in ein Machtvakuum vor, das die USA hinterlassen?
Sie nutzen geschickt die Schritte, die Trump eingeleitet hat, um die internationale Rolle der USA zu reduzieren. Ich bin aber skeptisch, dass dadurch die Attraktivität Chinas als folgenswerter Staat gesteigert wird. Was wir sehen, ist, dass die Chinesen gar nicht viel tun müssen, um von Trumps Kurswechsel profitieren zu können. Sie sind Nutznießer der Zertrümmerungspolitik Trumps und können sich als Retter präsentieren. Trump wiederum reduziert internationale Beziehungen auf ein Nullsummenspiel und übersieht die Vorteile, die die USA aus dieser Ordnung gezogen haben.
Während China mit der „Neuen Seidenstraße“ auch in Osteuropa an Einfluss gewinnt, machen die USA mit Strafzöllen von sich reden.
Sicherlich setzen die USA unter Trump gerade bei der Verfolgung wirtschaftlicher Interessen vor allem auf Zwang. Das war aber schon bei seinen Vorgängern so. Neu ist das absolute Desinteresse für die Bedürfnisse von Alliierten. Was Chinas Investitionen betrifft, gibt es nach wie vor auch in Europa sehr viel Skepsis. Das sieht man bei der Debatte um Huawei und 5G. Generell macht man sich in Europa zunehmend Gedanken darüber, wie man künftig eigenständiger agieren kann.
Seit zwei Jahren befinden sich die USA und China in einem Handelskonflikt. Halten Sie eine wirtschaftliche Entkopplung für wahrscheinlich?
Beide Seiten würden zu sehr leiden, als dass sie ein wirkliches Interesse daran haben könnten. Es gibt zu viele wirtschaftliche Verflechtungen.
Könnte sich unter einem US-Präsidenten Joe Biden die US-Strategie ändern?
Sowohl die Regierung unter Trump als auch die republikanische Partei wollen die Rivalität mit China nutzen, um mit Blick auf die anstehende Präsidentschaftswahl Wähler zu mobilisieren. Gleichzeitig sieht man, dass auch bei den Demokraten mit Biden die Konkurrenz zu China betont wird. Es ist möglich, aber keinesfalls sicher, dass das gemeinsame Thema ähnlich wie beim Konflikt mit der Sowjetunion die Polarisierung der Parteien reduziert und für einen Burgfrieden sorgt.
Was also bleibt von der Weltmacht USA, die sich militärisch zurückzieht, internationale Kooperation als nachrangig betrachtet und zudem ihre Vorbildfunktion verspielt?
Das Faszinierende ist, dass es die USA immer wieder geschafft haben, ein positives Bild von sich in der Welt aufzubauen. Trotz großer Krisen – denken Sie an die Ermordung Martin Luther Kings und die Aufstände von 1968. Auch wenn oft zu lesen ist, dass diese Nation auseinanderbricht, ist das noch lange nicht entschieden.
Interview: Maximilian Beer