Biden sucht eine schwarze Vizepräsidentin für die USA

von Redaktion

Nach Protesten gegen Rassismus und Polizeigewalt kommt der Auswahl einer „Running mate“ große Bedeutung zu

Washington – Joe Bidens Bewerberinnen-Casting läuft schon seit Wochen – hat jetzt aber eine neue Dynamik bekommen. Der US-Demokrat hatte schon im März versprochen, dass er mit einer Frau als Vize-Kandidatin in den Wahlkampf gegen Präsident Donald Trump ziehen will. Seit massive Proteste gegen Rassismus und Polizeigewalt die USA in Atem halten, scheint alles auf eine Afroamerikanerin hinauszulaufen. Es gibt mehrere Kandidatinnen mit guten Chancen.

Die Senatorin Kamala Harris, Atlantas Bürgermeisterin Keisha Lance Bottoms, die frühere Nationale Sicherheitsberaterin Susan Rice, die Ex-Regionalabgeordnete Stacey Abrams – ihre Namen fielen zuletzt am häufigsten.

Biden aber will sich noch einige Wochen Zeit lassen, eine Entscheidung wird um den 1. August erwartet. Der 77-jährige Politikveteran, der dem ersten schwarzen US-Präsidenten Barack Obama acht Jahre lang als Vize diente, weiß um die Bedeutung des Amtes.

Die Auswahl einer „running mate“ ist ein langwieriger Prozess, bei dem viele Faktoren berücksichtigt werden. Der Stellvertreter soll den Präsidentschaftskandidaten ergänzen und seine möglichen Schwächen ausgleichen, außerdem wichtige Wählergruppen ansprechen. Nach dem Tod des Afroamerikaners George Floyd bei einem brutalen Polizeieinsatz dürfte aber die Hautfarbe eines der zentralen Entscheidungskriterien für Biden sein. Rassismus und die andauernde Diskriminierung von Schwarzen in den USA haben die Coronavirus-Krise aus den Schlagzeilen weitgehend verdrängt – und dürften auch im Wahlkampf eine zentrale Rolle spielen.

„Die schwarze Wählerschaft verlangt jetzt einen schwarzen Vizepräsidenten“, sagt der Politikprofessor Daniel Gillion. „Wenn Biden nicht eine schwarze Frau für die Vizepräsidentschaft auswählt, werden viele Menschen verärgert und enttäuscht sein.“

Der Politologe Kyle Kondik warnt zwar, dass bis zur Bekanntgabe der Personalie noch einige Wochen vergehen werden, in denen viel passieren könnte. Nach jetzigem Stand aber gebe es für Biden „viele Gründe“, eine Afroamerikanerin auszuwählen.

Als eine der Top-Kandidatinnen zählt die Senatorin Kamala Harris, die sich zwischenzeitlich ebenfalls um die Präsidentschaftskandidatur beworben hatte. Die 55-Jährige hat große politische Erfahrung und war einst Kaliforniens erste schwarze Generalstaatsanwältin.

In den vergangenen Tagen ist Keisha Lance Bottoms ins Rampenlicht gerückt, die Bürgermeisterin von Georgias Hauptstadt Atlanta. Sowohl in der Corona-Krise als auch bei den Protesten nach Floyds Tod machte die 50-Jährige mit besonnenem Handeln von sich reden. Eine neue Krise musste sie meistern, nachdem ein weißer Polizist am Freitag einen Afroamerikaner mit zwei Schüssen in den Rücken tötete. Gestern erhob die Staatsanwaltschaft Mordanklage. Ein zweiter Polizist muss sich wegen schwerer Körperverletzung verantworten.

Ganz gleich, wen Biden aussucht: Jede von ihnen wäre die erste Frau und die erste Afroamerikanerin, die Chancen auf die US-Vizepräsidentschaft hat – und würde bei einem Wahlerfolg gegen Trump im Herbst Geschichte schreiben.

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