Die späte Rache des John Bolton

von Redaktion

VON LENA KLIMKEIT UND JÜRGEN BÄTZ

Washington – Im November fing es an. Mit ein paar Tweets, ganz nach dem Geschmack seines Ex-Chefs. John Boltons Worte lasen sich spöttisch. Er meldete sich zurück, zwei Monate, nachdem er das Weiße Haus als Nationaler Sicherheitsberater verlassen hatte. Die Regierungszentrale habe ihm den Zugang zu seinem Twitter-Konto verweigert, schrieb Bolton. „Aus Angst, was ich sagen könnte?“, schob er nach. Der perfekte Spannungsbogen war gesetzt.

Am Mittwoch ließ Bolton seine Bombe hochgehen. Die Titelseiten der US-Zeitungen fassen am Donnerstag die explosivsten Vorwürfe zusammen, die der Ex-Berater gegen den Präsidenten in einem noch unveröffentlichten Buch auf knapp 600 Seiten erhebt: Trump habe seine Wiederwahl über die nationalen Interessen gestellt. Trump habe sogar Chinas Präsidenten Xi Jinping um Wahlkampfhilfe gebeten. Ihm könne also wesentlich mehr zur Last gelegt werden als im Amtsenthebungsverfahren zur Ukraine-Affäre. Bolton wirft Trump „Behinderung der Justiz als Alltagsgeschäft“ und Machtmissbrauch vor, weil er seine persönlichen Interessen mit denen des Landes gleichgesetzt habe.

Boltons Buch ist bei Weitem nicht das erste, das über und gegen Donald Trump geschrieben wurde. Doch „The Room Where It Happened“ (etwa: Der Raum, in dem es geschah) hat es in sich. Es ist das erste Buch aus Trumps engstem Führungskreis, bei dem sich der Autor zu erkennen gibt. Für zusätzliche Brisanz sorgt das Weiße Haus selbst, indem es die für Dienstag geplante Veröffentlichung mit allen Mitteln zu verhindern versucht.

Die Enthüllungen kommen für Trump zur Unzeit. Nicht einmal 150 Tage sind es noch bis zur US-Wahl, bei der sich der Republikaner für eine zweite Amtszeit bewirbt. Er versucht sein Möglichstes, um Boltons Glaubwürdigkeit zu untergraben. Dessen Buch sei eine „Zusammenstellung von Lügen und erfundenen Geschichten, die mich schlecht aussehen lassen sollen“, schreibt er am Donnerstag auf Twitter. Nach Ansicht von Trumps Sprecherin Kayleigh McEnany ist Bolton der „unbeliebteste Mann Amerikas“. Mit seinem Buch habe er sich selbst entlarvt.

Bolton hatte das Weiße Haus im September verlassen. Er sagte, er habe gekündigt, Trump hingegen will ihn rausgeschmissen haben. Der für seinen Walross-Schnauzer bekannte Republikaner ist seit jeher umstritten. Er gilt als Hardliner, dem ein Hang zu militärischen Interventionen nachgesagt wird. Unter Präsident George W. Bush war er einer der glühendsten Verfechter des Irak-Kriegs – eine Entscheidung, die Trump regelmäßig als großen Fehler bezeichnet. Anfang des Jahres schrieb Trump über Bolton: „Wenn ich auf ihn gehört hätte, wären wir jetzt im Sechsten Weltkrieg.“

Bolton wirft Trump vor, als Präsident kein Leitprinzip zu verfolgen, außer: „Was ist gut für Donald Trumps Wiederwahl?“ Eine Gelegenheit für ein gutes Foto wie beim Treffen mit Nordkoreas Machthaber Kim Jong-Un sei ihm wichtiger als die Bedeutung solcher Treffen für die Verhandlungsposition der USA, sagte Bolton im Interview mit dem Sender ABC. Dem Präsidenten wirft er vor, dass seine Außenpolitik auf Bauchgefühl und Unwissenheit basiere. So habe Trump nicht gewusst, dass Großbritannien eine Atommacht sei. Einmal habe er gefragt, ob Finnland zu Russland gehöre, wie Bolton der „New York Times“ zufolge schreibt. Zudem habe er eine Invasion in Venezuela als „cool“ bezeichnet.

So brisant seine Enthüllungen auch sind – sie bewahren Bolton nicht vor Kritik. Wenn Trump den chinesischen Präsidenten wirklich dazu ermutigt haben soll, Menschen in „Konzentrationslager“ zu bringen, warum tat Bolton dann nichts dagegen, merkt ein Journalist der „New York Times“ an. Stattdessen habe Bolton die Geschichte in sein Buch aufgenommen. Er soll vom Verlag 1,8 Millionen Euro dafür erhalten haben.

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