Frankfurt – „Mein Name ist Stephan Ernst.“ Das ist einer der ersten Sätze, die der Hauptverdächtige im Mordprozess um den erschossenen nordhessischen Regierungspräsidenten Walter Lübcke im Saal des Oberlandesgerichts Frankfurt laut ausspricht. Doch sie kommen nicht aus dem Mund des 46-Jährigen, der gestern wieder auf der Anklagebank sitzt. Sie stammen aus einer Videoaufzeichnung vom Juni 2019. Darin gesteht Ernst den Mord am CDU-Politiker. Das Geständnis hat er inzwischen widerrufen. Doch die darin geschilderte Version der Tat ist bis heute maßgeblich für die Anklage.
Regelrecht besessen war Ernst danach von Lübcke, der nach einer Bürgerversammlung über eine Flüchtlingsunterkunft für ihn zur Symbolfigur für „die Regierenden“ wurde, die verantwortlich seien für Vorfälle wie die Kölner Silvesternacht 2016. Immer wieder sei er zu dem Haus des Politikers gefahren, habe ihn einmal im Gespräch mit einem Nachbarn gesehen: „Ich war sehr überrascht, dass ich ihn hier vor mir sehe“, sagt er in der Videoaufnahme, sichtlich aufgewühlt. „Ich habe gebetet: Gott, gib ihn in meine Hand.“
Das Video wird als Beweis eingeführt. Es zeigt Ernst in rotem T-Shirt. Zwei Polizisten sind offenbar mit im Raum. Ernst beginnt nicht mit dem Mord, sondern erzählt, wie er in die rechtsextreme Szene kommt, erst über die NPD, dann über freie Kameradschaften. Er habe das Gefühl gehabt, dass Deutschland unfrei sei. Von rassistischem Gedankengut habe er wenig gehalten. Nach einer Teilnahme an einem Angriff auf eine DGB-Demo in Dortmund sei Schluss gewesen: 2010 wendet sich Ernst angeblich von der rechten Szene ab. Doch eine angebliche Überfremdung und Ausländerkriminalität seien für ihn immer wieder Thema gewesen: „Da hat sich diese Tür wieder geöffnet.“ Ein alter Bekannter aus der rechten Szene wurde sein Arbeitskollege – der wegen Beihilfe zum Mord mitangeklagte Markus H.
Lübcke geriet erst während einer Bürgerversammlung ins Augenmerk von Ernst. Doch seine Äußerungen, die später im Internet kursierten, machten den Politiker für Ernst zu einer Symbolfigur. Schon zweimal sei er dem Regierungspräsidenten auf dessen Grundstück mit einer Waffe nahe gekommen, erzählt Ernst, immer wieder weinend um Fassung ringend, während der Vernehmung. „Ich habe gezittert. Ich wollte es machen“, sagt er über eine Nacht im Sommer 2018, als er Lübcke im Garten seines Wohnhauses beobachtet habe. Eine Situation ganz ähnlich wie in der Mordnacht. Mehrere Stunden habe er auf einem Parkplatz an Lübckes Wohnort an jenem Samstagabend im Juni 2019 auf die Dunkelheit gewartet. „Diese letzten Minuten, Stunden – ich kann es nicht beschreiben“, sagt er in dem Video. Gegen 23.00 Uhr sei er aus dem Auto gestiegen und zum Wohnhaus Lübckes gegangen.
Dann habe er gesehen, dass Lübcke in den Garten gekommen sei, wurde durch das leuchtende Display des Smartphones auf ihn aufmerksam. Nach Momenten der Unentschlossenheit habe er dann gedacht: „Du machst das jetzt“, schildert Ernst in dem Video den Tatverlauf. Er sei auf Lübcke zugegangen, habe seine Waffe auf Kopfhöhe gehalten und abgedrückt. „Er hat mich noch gesehen, er hat meinen Schatten gesehen – und da ist der Schuss gefallen.“ EVA KRAFCZYK