Unappetitliche Einblicke

von Redaktion

VON MARC BEYER

München – An Einsicht scheint es nicht zu mangeln. Die Meldung, wonach hunderte von Corona-Infektionen in einem Schlachtbetrieb des Tönnies-Konzerns aufgetreten seien, war am Mittwoch erst wenige Stunden alt, als ein Sprecher erklärte, man könne sich „nur entschuldigen“. So flott reagieren Sünder selten.

Die Erschütterungen scheinen tatsächlich gravierend zu sein. Gestern wurde bekannt, dass Mitinhaber Robert Tönnies den Rückzug seines Onkels Clemens fordert, mit dem er seit Jahren im Clinch liegt. Er spricht von unverantwortlichem Handeln und der Gefährdung von Unternehmen und Bevölkerung. Seit 2017 hätten Clemens Tönnies und der Beirat Leitsätze zur Abschaffung von Werkverträgen nicht umgesetzt. Tönnies ist auch Aufsichtsratsvorsitzender des FC Schalke 04.

Diese Verträge mit Subunternehmern sind längst als Kern des Problems ausgemacht, mit dem Schlachtbetriebe in der Corona-Krise kämpfen. Die vielen positiven Tests haben der Branche unerwünschte Aufmerksamkeit beschert und unappetitliche Einblicke in ein Geschäft ermöglicht, in dem knallhart kalkuliert wird – zu Lasten von Mensch und Tier.

Die Werkverträge dienen dazu, Kosten zu drücken und Verantwortung auszulagern. In letzter Konsequenz, klagt Robert Tönnies, sorgten sie dafür, „dass gerade in Schlachtbetrieben die Infektionszahlen weit überdurchschnittlich hoch sind“. Der Kostendruck zwinge Arbeiter „in unzumutbare Wohnverhältnisse mit einem hohen Ansteckungsrisiko“.

Neu ist das nicht. Aber die Größe des Tönnies-Konzerns, Deutschlands führender Schlachtbetrieb für Schweine, und die immense Zahl von 730 Infizierten befeuern die Debatte zusätzlich. NRW-Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) sagte am Mittwoch, das Beispiel zeige, „wie schnell“ sich ein Virus verbreite, „wenn Abstände nicht eingehalten werden, wenn Unterkünfte nicht in Ordnung sind“.

Für Aufregung sorgte aber vor allem sein Einwand, die Infektionen hätten nichts mit Lockerungen in seinem Bundesland zu tun, sondern damit, dass „Rumänen und Bulgaren eingereist sind und da der Virus herkommt“. Die Arbeiter, mutmaßte er, hätten das verlängerte Wochenende rund um Fronleichnam zu Heimatbesuchen genutzt. Gestern machte er dann einen Rückzieher und lehnte Schuldzuweisungen gegen „Menschen gleich welcher Herkunft“ ab.

Eine Expertin für Infektionskrankheiten hatte die Fronleichnams-Theorie da schon entkräftet. Es sei „extrem unwahrscheinlich“, dass hunderte Fälle auf Familienbesuche zurückgingen. „Die Inkubationszeit beträgt im Mittel fünf Tage, sodass ein Wochenendbesuch kaum so eine große Anzahl an Personen erklären kann“, sagte Isabella Eckerle von der Universität Genf.

Nordrhein-Westfalen, ein Zentrum der fleischverarbeitenden Industrie, sieht nun dringenden Handlungsbedarf. Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) fordert rasche Änderungen im Arbeitsrecht, um die Werkverträge auszuhebeln. Ziel sei „eine Generalunternehmerhaftung für die Lebensverhältnisse dieser Menschen“, sagte er dem Sender WDR 2. Mittlerweile sei es in den Schlachthöfen üblich, „dass sich die Besitzer nicht mehr verantwortlich fühlen für große Teile der Belegschaft“.

Die Reaktionen auf Bundesebene klingen ähnlich. Arbeitsminister Hubertus Heil (SPD) sagte dem „Redaktionsnetzwerk Deutschland“, man werde bei Werkverträgen und Leiharbeit „aufräumen und für menschenwürdige Arbeitsbedingungen sorgen“. Auch Agrarministerin Julia Klöckner (CDU) sprach sich für grundlegende Verbesserungen aus.

Noch grundsätzlicher sieht Greenpeace das Problem. Die Umweltschützer kritisieren das „System Billigfleisch“. Es sei verantwortlich für Ausbeutung, Tierleid, Klimagase und Waldzerstörung. Und im Kreis Gütersloh nun auch für Quarantäne und Schulschließungen.

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