George Floyd war nicht berühmt. Aber seine Tötung durch einen Polizisten in Minneapolis hat weltweit Proteste gegen Rassendiskriminierung und soziale Ungerechtigkeiten entfacht.
In den USA hat die Integration der „African Americans“ Fortschritte gemacht. Viele haben einen College-Abschluss, und sie sind sogar zu finden als Vorstandsmitglieder in den 500 größten Unternehmen. Das sind mehr als nur einzelne Leuchttürme. Aber im Durchschnitt beträgt ihr Haushaltsvermögen nur ein Zehntel von dem einer weißen Familie. Ebenso bilden sie einen überproportionalen Anteil der Insassen von Gefängnissen und Zuchthäusern.
Die USA sind ein Land, das sich immer in seiner Geschichte neu erfinden kann. Jetzt wird plötzlich ernsthaft darüber diskutiert, ob nicht die Nachkommen von früheren Sklaven vom Staat eine Entschädigung erhalten sollten. Eine Idee, über die John Biden, der demokratische Präsidentschaftsbewerber, ernsthaft nachdenken will.
Auch in Europa hat die Protestbewegung das fast 300 Jahre bis 1807 währende Verbrechen des Sklavenhandels wieder bewusst gemacht. Im englischen Bristol ist das Denkmal des Kaufmannes Edward Colston von einer aufgebrachten Menge ins Hafenbecken gestürzt worden. Mit seinem Reichtum galt er als Wohltäter der Stadt. Aber an dem hing das Blut der Sklaven. Seine Schiffe brachten Textilien nach Westafrika, segelten von dort mit Sklaven für Zuckerplantagen in die Karibik, um mit dem begehrten Kolonialzucker nach England zurückzukehren.
Die Proteste haben nun auch Belgien erreicht. Das hat eine besonders düstere Kolonialgeschichte unter König Leopold II. aufzuarbeiten. Der Kongo war von 1885 bis 1908 sogar Privatbesitz dieses Königs, der immer noch in Belgien mit Denkmälern wie vor dem königlichen Palast in Brüssel geehrt wird. Aus Geldgier ließ er die schwarzen Kongolesen gnadenlos ausbeuten. Wer nicht schnell genug war beim Ernten des Kautschuks, dessen Hände wurden abgehackt, weil sie sich als zu „faul“ erwiesen hatten. Es heißt, dass durch sein grausames Wirken bis zu zehn Millionen Menschen geopfert wurden.
Endlich will das belgische Parlament diese Kolonialgeschichte aufarbeiten. Dann wird es nicht mehr möglich sein, dass Angehörige des Königshauses, wie kürzlich noch der Bruder des Königs, ihren Vorfahren verteidigen können mit Worten wie: „Er war nie im Kongo“. Auch in Holland lebt die Erinnerung an Kolonialverbrechen in Indonesien wieder auf.
Mit der Macht von Protestbewegungen, wie sie der Tod von George Floyd ausgelöst hat, ist es wie mit den Wellen des Meeres. Jede einzelne vermag nichts. Sie verläuft harmlos im Sande. Die Menge der Wellen aber, die aufgewühlte See, hat gewaltige Kräfte. Wenn genügend Bürger gegen eine immer noch bestehende Ungerechtigkeit protestieren, dann kommt viel in Bewegung. Die Wellen dieser Bewegung werden auch einen Mann im Weißen Haus wegspülen, der, wie so oft, auch zu den Protesten für mehr Gerechtigkeit zwischen Weiß und Schwarz nur Verächtliches zu sagen weiß.
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