München – Die Symbolik ist heikel. Feierlich wollen deutsche und amerikanische Politiker und Diplomaten heute in München ein Band durchschneiden, Signal für die Wiederöffnung des Amerikahauses. Ein fröhlicher Anlass, aber ein bisschen erinnert das Band auch an ein zerschnittenes Tischtuch, an gerissene Nerven, gekappte Verbindungen und an eine nur noch an Fasern hängende transatlantische Partnerschaft.
Tatsächlich greifen Ministerpräsident Markus Söder (CSU) und die amtierende US-Botschafterin Robin S. Quinville zur Schere, während die Vertrauenskrise mit den USA einen vorläufigen Höhepunkt erreicht hat. Eigentlich hat das frisch generalsanierte Amerikahaus am Karolinenplatz nichts mit Tagespolitik zu tun, sondern mit kulturellem Austausch und mit transatlantischer Freundschaft, die aus den Trümmern der Nachkriegszeit erwuchs. Wie sehr die Münchner am Amerikahaus hängen, bewiesen sie in den letzten zehn Jahren: Vor der 20-Millionen-Euro-Generalsanierung war der Standort umkämpft, Ex-Ministerpräsident Horst Seehofer wollte am Karolinenplatz mit viel Druck eine Technik-Akademie unterbringen. Zahlreiche Stadt-Promis und am Ende auf US-Seite sogar Ex-Präsident Bill Clinton machten sich für den Erhalt stark – mit Erfolg, Seehofer plante letztlich um.
Trotzdem wird der Festakt am Vormittag natürlich von der Weltpolitik überschattet: Wegen Corona herrschen auf beiden Seiten strikte Einreiseverbote, der Austausch ist praktisch zum Erliegen gekommen. US-Präsident Donald Trump hat in den Deutschen einen Lieblingsgegner entdeckt, schimpft immer wieder über zu niedrige Verteidigungsausgaben. In den vergangenen Wochen hatte Trump Deutschland mit der Ankündigung brüskiert, bis zu 9500 US-Soldaten abzuziehen und nach Polen zu verlagern. Das trifft unter anderem das bayerische Grafenwöhr massiv. Hinzu kam die oft barsche Kritik des vor kurzem aus Berlin abgerückten Botschafters Grenell, eines engen Trump-Vertrauten, an der deutschen Wirtschafts-, Energie- und Verteidigungspolitik.
Kurz: ein Scherbenhaufen. Umso genauer wird heute der Münchner Auftritt beobachtet. Es sind etwas andere Vorzeichen. Quinville (64) dürfte Grenells Kurs fortführen, aber nicht den Ton; sie hat jahrzehntelange Erfahrung in Europa. Auch Söder liegt das transatlantische Verhältnis ehrlich am Herzen. 2016 berief er einen „bayerisch-amerikanischen Freundschafts-Club“ ein, reiste mit Familie in die USA und wäre heuer im April eigentlich zu einer fertig geplanten Delegationsreise nach Washington und Texas aufgebrochen, die nur an der Corona-Krise scheiterte.
Söder will das Tischtuch kaum zerschneiden. Trotzdem redet er vor dem Auftritt Klartext. „Die Zusammenarbeit vor Ort ist hervorragend, aber die Signale aus Washington sind anders als früher“, sagt er unserer Zeitung. „Statt enger Freundschaft und Abstimmung gibt es immer wieder irritierende Aussagen über Deutschland. Anstatt miteinander zu reden, wird zu häufig nur übereinander geurteilt.“ Es sei „unverständlich, warum die Führung in den USA die wirklich guten Beziehungen schwächt“.
Söder kritisiert auch klar Trumps Plan zum Truppenabzug: „Das bringe auch den USA selbst wenig. Die in Deutschland stationierten US-Truppen dienen vor allem den Interessen der Nato und den USA als Brückenkopf für Einsätze außerhalb Europas.“
Wunder sind vom Amerikahaus-Auftritt nicht zu erwarten. Ein wenig Deeskalation vielleicht, aber fast zeitgleich will Trump in Washington Details seiner Abzugspläne vorlegen. Auf der deutschen Seite hoffen viele eher auf eine Zeit nach Trump, am besten ab 2021. Auch ein durchschnittenes Band lässt sich ja neu knoten. CHRISTIAN DEUTSCHLÄNDER