Paris – „Wir müssen endlich auf Grün schalten“, sagt Anne Hidalgo. Eigentlich ist sie Sozialistin, aber ihr Programm für die kommenden sechs Jahre ist vor allem von Ökologie geprägt. Autos aus der Stadt verbannen, Parkplätze abschaffen, Fahrrad-Schnellwege und Parks ausbauen: Im Bündnis mit den erstarkten Grünen bringt Hidalgo manch gestressten Beton-Hasser in der französischen Hauptstadt zum Träumen. Die Autofahrer – vor allem aus dem Umland – bringt sie dagegen zum Rasen.
Doch ihr Programm passt in den Trend dieser Kommunalwahl, die Frankreich ordentlich durchgerüttelt hat. In mehreren Großstädten erzielten die Grünen Überraschungssiege: Ihre Partei Europe Écologie – Les Verts (EELV) gewann nach Prognosen sowohl in Lyon als auch in Marseille, Bordeaux und Straßburg. Staatspräsident Emmanuel Macron räumte eine „grüne Welle“ in Frankreich ein. Auch in Paris war Macrons Kandidatin, die frühere Gesundheitsministerin Agnès Buzyn, chancenlos.
Einfach wird es für Hidalgo trotzdem nicht. Gegner lasten ihr die vielen Baustellen an. Zudem werfen sie ihr vor, mit der Sperrung der Seine-Uferstraße für den Verkehr die notorischen Staus in der Hauptstadt verschärft zu haben. Dort flanieren nun Spaziergänger, darunter viele Touristen. Schicke Schiff-Bars servieren Apéros. Viele treiben hier jetzt Freizeitsport. Aber auch Radpendler sind unterwegs. 50 Kilometer Straße wandelte Hidalgo zuletzt in „Corona-Radwege“ um. Das wird auch im Münchner Rathaus genau verfolgt.
Die Pariser Bürgermeisterin will zudem 170 000 neue Bäume pflanzen und die zuletzt unter Hitzewellen leidende Stadt fitter für den Klimawandel machen. Den Anteil der Sozialwohnungen will Hidalgo angesichts der explodierenden Immobilienpreise auf 25 Prozent steigern. Zudem will sie schärfere Regeln für den Wohnungsvermittler Airbnb erlassen, damit Paris nicht zum Museum für Touristen wird.
Mit Krisen kennt sie sich aus: In Hidalgos erste Amtszeit fielen nicht nur der Hitzerekord von 42,6 Grad im vergangenen Jahr und der verheerende Brand in der Kathedrale Notre-Dame, sondern auch die Terroranschläge von 2015. Es folgten die teils gewaltsamen Proteste der „Gelbwesten“ und schließlich die Demos gegen Macrons Rentenreform, die den Nahverkehr wochenlang zum Erliegen brachten. In der Corona-Pandemie kehrt die besonders betroffene Metropole nun langsam zur Normalität zurück.
Hidalgos bürgerliche Gegnerin Rachida Dati warf ihr im Wahlkampf vor, die „Stadt der Liebe“ verlottern und kriminelle Banden gewähren zu lassen. Mit ihrem Vorschlag einer bewaffneten Stadtpolizei und einer Sicherheits-Hotline konnte sich die Justizministerin von Präsident Nicolas Sarkozy jedoch nicht durchsetzen. Sie landete 15 Prozentpunkte hinter Hidalgo, die 49 Prozent erzielte. Die Macron-Kandidatin Agnès Buzyn kam abgeschlagen auf den dritten Platz.
Wunder sind in Paris nicht möglich. Dafür sind die Stadtkassen zu leer, wie auch Hidalgo weiß. Gelegentlich übt die Bürgermeisterin Selbstkritik: „Paris ist nicht sauber genug“, räumte sie etwa ein. Bis zu den Olympischen Sommerspielen in Paris 2024 solle sich das ändern.
Das Bürgermeisteramt in der Hauptstadt gilt als Sprungbrett. Auch wenn Hidalgo für die Präsidentschaftswahl 2022 unermüdlich betont, dass sie nicht gegen Macron antreten will. Aus ihrem Mund hört sich das so an: „Paris macht mich wunschlos glücklich.“ afp/mm