Ein Leben unter der Maske ist uns auferlegt dort, wo viele Menschen zusammenkommen. Ob in Bahnhofshallen, in Geschäften oder Straßenbahnen, überall sind die Gesichter verhüllt.
Manche präsentieren sich dazu mit einem Plexiglas-Schutzhelm wie ein Astronaut, der gerade auf dem seelenlosen Mond gelandet ist.
Unter meiner Maske nach Luft schnappend, so muss ich durch die Bahnhofshalle sprinten, um schnell noch eine S-Bahn zu erreichen. Dazu bin ich als Brillenträger mit der vom Ausatmen beschlagenen Brille fast blind. Von Goethes schönem Wort „im Atmen sind zweierlei Gnaden: die Luft einziehen – sich ihrer entladen“ ist wenig übrig geblieben für mich.
Und völlig verschwunden ist das Lächeln, das sonst überall den Alltag beschwingt. Unser ganzes Gesicht ist ja unter den Generalverdacht der Ansteckung gestellt worden. Von der seligen Feuchte des Lächelns vor allem soll die Gefahr der Kontaminierung ausgehen. Die Freude des Lächelns, Beginn jeder Kommunikation nicht nur unter Verliebten, soll daher erstickt werden unter dem schlimmen Stofflappen. Der Gruß darunter ist nur ein unverständliches Murmeln. Flirten und zarte Berührung der Hände im Sommerglück – gestrichen unter dem Corona-Regime. Sogar Hände gelten ja als gefährlich. Patienten sehen sie kaum durch Glastüren in Krankenhäusern und Altenheimen. In den Büros winken sie am Ende der Bildschirm-Konferenzen kühl zum Abschied.
Ohne Lächeln und Handschlag triumphieren die Füße. Sie sind das letzte unverdächtige Organ, um unserer Sehnsucht nach Freiheit und Verbindung Raum zu geben. Kaum bedeckt oder verschnürt in bunten Sneakers tanzen sie sommerlich munter vor uns her auf dem Trottoir. Beflissentlich aktiv treten sie in die Pedale der Fahrräder, die immer mehr werden in unseren Städten. Elegant gleiten sie auf Elektrorollern oder Skateboards kaum bemerkt an uns vorbei. Bei dem Corona-bedingten Ausfall von Gesicht und Händen stehen unsere Füße mehr als früher im Vordergrund. Wo die Flugzeuge am Boden bleiben, gibt das Schreiten neue Weite. Und überall, unter freiem Himmel ohne Maske, in den Parks und an den Stadträndern, auf den Wanderwegen, gibt es auch wieder Grüßen und Lächeln unter Spaziergängern und Hundebesitzern.
Ob Laufen, Gehen, Radeln oder Schreiten, es sind die Füße, die uns retten aus der Vereinsamung dieser Monate. Auch unverhüllt bleiben sie frei von jedem Verdacht bei allen Gesundheitsbehörden. In der leichtesten Sandale dürfen sie auftreten und sicher werden sie ebenso barfuß erscheinen in den Sommerferien, die jetzt vor uns liegen.
Wo das schöne Menschengesicht kein Lächeln mehr aussenden darf, muss der schöne Fuß Triumphe feiern. Das gab es früher schon, als auch in unseren Breiten die Damen einen Schleier trugen. Friedrich von Schiller in einem seiner Dramen lässt seinen Helden beim Blick auf die Füße der Königin davon schwärmen: „Ihr Fuß verwirrt mich“. Ich hoffe trotzdem darauf, dass wir bald schon wieder leicht beschwingt mehr an ihr Lächeln denken als an die Füße einer Schönen.
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