München – Sie protestieren natürlich coronagerecht. Statt hunderter Demonstranten mit Trillerpfeifen hat der Berufspflege-Verband DBfK am Dienstag nur ein paar stille Gestalten vor dem Gesundheitsministerium in Nürnberg postiert. Zwei Stunden lang halten sie schweigend Schilder vor sich. Sie fordern mehr Personal, höhere Gehälter und mehr Mitsprache. Die Pflege hat in der Krise geliefert. Nun ist die Politik dran. So sehen sie das.
Denen, die das System in Kliniken und Heimen am Laufen halten, wurde tatsächlich einiges versprochen. Helden wurden sie genannt, als Deutschland im März und April noch fürchtete, auch hierzulande könnten die Krankenhäuser von dem Virus überwältigt werden wie in Italien. Reformen wurden in Aussicht gestellt. Lang ist das nicht her.
„Am Anfang der Pandemie herrschte breiter Konsens darüber, dass die Krankenpflege unterbezahlt ist, aber leider wurden daraus bislang keinerlei Konsequenzen gezogen“, sagt SPD-Politiker Karl Lauterbach. Er fordert in der „Augsburger Allgemeinen“ einen Pflegegipfel für bessere Gehälter. Und dabei müsse auch noch mal über den Pflegebonus gesprochen werden. Denn die vom Bundestag im Mai beschlossene gesetzliche Regelung für eine Prämienzahlung von bis zu 1000 Euro wegen der Corona-Pandemie ist auf die Altenpflege beschränkt. Die Krankenpflege ist in fast ganz Deutschland davon ausgeschlossen.
„Nicht so in Bayern: wir zahlen einen extra Pflegebonus für alle Pflegekräfte“, stellte Ministerpräsident Markus Söder jüngst auf Twitter heraus. Nur dass auch das nicht ganz stimmt. Zwar gibt es den bayerischen Pflegebonus von bis zu 500 Euro tatsächlich auch für Krankenpfleger. Doch auch im Freistaat fallen dabei einige unter den Tisch. Viele medizinisch-technische Kräfte in Kliniken gehen beispielsweise leer aus. Auch Pflegedienstleiter in Altenheimen erhalten für ihre organisatorische Arbeit keinen Bonus. Und das, obwohl sie sich in der Krise „höchst verantwortungsvoll und häufig bis an die Belastungsgrenzen engagiert haben“, wie das Bayerische Rote Kreuz (BRK) auf Anfrage unserer Zeitung erklärt. Von vielen Betroffenen werde das nun als fehlende Wertschätzung wahrgenommen.
Das bayerische Gesundheitsministerium beruft sich darauf, dass es beim Pflegebonus nicht auf den erlernten Beruf ankomme, sondern auf „Pflege nahe am Patienten“. Der Grünen-Landtagsabgeordnete Andreas Krahl – selbst gelernter Intensivpfleger – ärgert sich über ein solch „antiquiertes Bild aus den 50er-Jahren“, das seinem Beruf längst nicht mehr gerecht werde. Das sieht auch das BRK so. Die traditionelle Unterscheidung von direkter und indirekter Pflege entspreche nicht mehr der Realität.
Die Grünen-Fraktion habe sich deshalb für eine Gefahrenzulage ausgesprochen, sagt Krahl – für alle, die an vorderster Front mit dem Virus zu tun haben. „Das wäre fairer gewesen.“ Dass Söder den Bonus hingegen als anerkennendes Dankeschön verkaufe, habe einen „extrem faden Beigeschmack“. Denn, so sagt Krahl: „Eine Pflegekraft soll nicht auf ein Dankeschön angewiesen sein, sondern von ihrer Arbeit vernünftig leben können.“ Das habe auch etwas mit dem Ansehen dieses Berufs zu tun, das nach einem Zwischenhoch in Krisentagen nun wieder auf Vor-Corona-Niveau abzurutschen drohe. „Respekt und Anerkennung von Politik und Gesellschaft sind schneller wieder gesunken als die Infektionszahlen“, stellt Krahl bitter fest.
Bayerns Gesundheitsministerin Huml reagiert auf den Protest vor ihrem Haus gestern mit einer Pressemitteilung. „Wir wissen nicht erst seit der Corona-Pandemie, dass der Pflegeberuf attraktiver werden muss“, lässt sie sich zitieren. Sie setze sich in Bayern und im Bund dafür ein, dass die Arbeitsbedingungen in der Pflege nachhaltig verbessert werden.