Prien – Auf die Kanzlerin wartet ein wundersamer Bayern-Tag zwischen Protest, Prunk und Politik. Am Dienstagmorgen schon empfangen verärgerte Bauern in Prien Angela Merkel. Die mit Plakaten nicht zimperliche Organisation „Land schafft Verbindung“ ruft dazu auf, mit Schleppern ein kilometerlanges Spalier bis zum Chiemsee zu bilden. Wenn Merkel da durch ist, vermutlich ohne auszusteigen aus der gepanzerten Limousine, muss sie aufs Schiff, übersetzen auf die Herreninsel. Am Hafen wartet die Kutsche zum prächtigen Schloss, dort Tagung mit Markus Söder und seiner Staatsregierung.
Oberbayern zeigt sich also von allen, wirklich allen Seiten. Warum aber ist die Kanzlerin überhaupt da? Man darf ihre Visite offiziell einen „Arbeitsbesuch“ nennen, denn ganz staatstragend geht es um die Darlegung der deutschen Agenda für die EU-Ratspräsidentschaft, die seit zwei Wochen läuft. Merkel will Bayern ihre Ziele erläutern. Erste Medien titeln freilich lieber doppeldeutig vom „Besuch beim Kini“. Der König – Ludwig II. – hatte das Schloss in den 1870er-Jahren beauftragt, ein spektakuläres Abbild von Versailles inklusive atemberaubender Spiegelgalerie. Und auch Söder, der heutige Bayern-Regent, wird durch den Besuch geadelt. „Kanzlerin und Kronprinz“ war auch schon zu hören.
Es ist ja nicht gewöhnlich, dass sich die Bundeskanzlerin einem Landeskabinett stellt, von Besuchen in Bremen und dem Saarland ist jedenfalls nichts bekannt. Sie wird sicher mit keinem Wort bewusst auf die Spekulationen um Söders Kanzlerkandidatur eingehen – doch die Bilder vor prächtiger Kulisse, vermutlich bei Sonnenschein, sprechen Bände. Merkel sendet mit ihrem Auftritt am Chiemsee zumindest ein Zeichen großer Harmonie. Die Kanzlerin und der Ministerpräsident, derzeit die beiden beliebtesten Politiker Deutschlands, proben trotz Abstandsregeln und Mühsal in Corona-Zeiten den Schulterschluss.
Das klingt logisch für Unions-Parteifreunde, war es aber lange nicht. Ihr Verhältnis war durch die Migrationspolitik seit Herbst 2015 schwer getrübt. Noch zur Schlusskundgebung in seinem Landtagswahlkampf 2018 hatte Söder auf Merkels Gegenwart verzichtet und sich lieber den Österreicher Sebastian Kurz auf die Bühne geholt. Spätestens seit März 2020, mit dem Aufflammen der Corona-Krise, gibt es zwischen Söder und Merkel aber eine neue Nähe. Beide verbindet ihr vorsichtiger Kurs.
Um Corona wird es zumindest inoffiziell natürlich gehen. Aber auch das Thema Europa birgt Spannung. Merkel kämpft für einen hunderte Milliarden Euro schweren Wiederaufbau-Fonds für Europa, eine deutsch-französische Initiative. In der CSU ist nicht jeder mit den Details und der Finanzierung einverstanden, wenngleich Söders Parteifreunde sich öffentlich spürbar auf die Zunge bissen. Der südliche Nachbar Kurz freilich opponiert offen gegen Merkels Vorhaben.
Die Kanzlerin, sonst im Viertelstunden-Rhythmus durchgetaktet, nimmt sich für die Bayern demonstrativ viel Zeit. Nach Bauernspalier und Schifffahrt am Morgen folgen die Sitzung mit Söder, ein gemeinsames Essen im 98 Meter langen Spiegelsaal (filettierte Renke und Backhendl mit Sommersalat) und eine Pressekonferenz unter freiem Himmel. cd