Paris – So etwas gab es seit Ende des Zweiten Weltkrieges nicht: Statt einer kilometerlangen Militärparade beschränkte sich die Feier zum Nationalfeiertag auf die Place de la Concorde im Herzen der Hauptstadt. Das Publikum war handverlesen und wurde von Sicherheitskräften kontrolliert. An diesem besonderen 14. Juli war alles anders als sonst – das Militär machte etwas Platz. Vor allem für die Pflegekräfte, deren Einsatz während der Corona-Krise gewürdigt wurde. Doch noch jemand setzte sich in Szene: der Präsident persönlich.
Emmanuel Macron hatte schon vor Wochen erklärt, dass dieser 14. Juli ein anderer sein werde. Auf den Tribünen rund um den Platz saßen Menschen in weißen Kitteln – aber auch Sicherheitskräfte, Lehrkräfte, Menschen, die im Supermarkt arbeiten. Es wurden diejenigen geehrt, die während der Krise den Laden sozusagen am Laufen gehalten haben. Von einer Volksfeststimmung, die sonst am Nationalfeiertag aufkommt, war nichts zu spüren.
Unter wolkenverhangenem Himmel paradierten Angehörige aller Armeegattungen. Gut 2000 Militärs präsentierten sich vor der Ehrentribüne mit Macron – das war etwa die Hälfte des sonst üblichen Aufgebots. Und noch etwas war anders als sonst an diesem Tag: Macron gab nach den Feierlichkeiten ein TV-Interview. Das ist äußerst selten für ihn. Mehr als eine Stunde stellte sich der Staatschef den Fragen. Und er nutzte die Zeit, um seine Politik vehement zu verteidigen – wenn er sie auch manchmal nicht gut kommuniziert habe.
Macron diagnostizierte seinem Land eine Vertrauenskrise. Frankreich habe „im Grunde Angst“. Vor der Gesundheitskrise sei im Land der Kampf gegen die Massenarbeitslosigkeit gewonnen worden, sagte er. Er habe Reformen durchgeführt, „die man für unmöglich hielt“. Gleichzeitig gebe es „spaltende Kräfte“. Diese sorgten dafür, dass es nicht vorwärts gehe. Er machte klar, dass er an den Grundsätzen seiner Reformpolitik festhalten will.
Das Lob für die eigenen Leistungen und Pläne hat einen ernsten Hintergrund. Mit der Corona-Krise ist Frankreich in eine schwere wirtschaftliche Krise geschlittert. Bis zu eine Million Arbeitslose zusätzlich könne es im Frühjahr geben, prognostizierte Macron. Nicht unwahrscheinlich, dass dann die Wut in Frankreich wieder aufflammt. Die Wut, die der Staatschef schon bei den Protesten der „Gelbwesten“ zu spüren bekam – oder bei den wochenlangen Streiks gegen seine Rentenpläne.
Macron hat nicht mehr viel Zeit, das in Ordnung zu bringen – noch zwei Jahre bleiben ihm bis zur Präsidentenwahl. Deshalb zieht er jetzt alle Register – und zückt das Scheckbuch. Hunderte Milliarden sollen helfen, das Land aus der Krise zu führen. Neben dem Geld setzt der Präsident auf seine neue Regierung. Über die wurde in der vergangenen Woche viel geätzt. Kaum einer wollte verstehen, warum der beliebte Premier Édouard Philippe durch den spröden Jean Castex ersetzt wurde.
Beobachter sehen einen Rechtsruck. Mit dieser Analyse sei er „radikal nicht einverstanden“, betonte Macron. Er glaube immer noch an das Konzept der „politischen Überwindung“. Doch die andauernde Kritik war auch gestern präsent. Zu Beginn der Zeremonie flogen Ballons mit einem Transparent über die Place de la Concorde: „Hinter den Hommagen (an das Gesundheitspersonal) erstickt Macron das Krankenhaus.“ Die Gesundheitskrise ist noch lange nicht vorbei – auch das war eine Botschaft am 14. Juli.