„Erster Anwärter für die Kanzlerkandidatur“

von Redaktion

Die Interpretationen des Merkel-Besuchs fallen recht eindeutig aus – Schäuble lobt Spahn

München – Es mag angesichts dieser Inszenierung nicht völlig überraschend sein, aber Deutschland hat den pompösen Merkel-Besuch in Bayern sehr aufmerksam zur Kenntnis genommen. Das Presse-Echo fällt klar aus: „Angela Merkel traut Söder das Kanzleramt zu – und zeigt es jetzt auch“, schreibt nicht nur der „Weser-Kurier“ im fernen Bremen. Spätestens jetzt wird der Ministerpräsident mit seiner vorgeschobenen Bescheidenheit („Mein Platz ist in Bayern“) nicht mehr allzu weit kommen.

„Nein, das war kein einfacher Landesvater, der da vor königlicher Kulisse Hof hielt. Das war einer, den es nach ganz oben drängt. Markus Söder will es wissen, er will ins Kanzleramt“, diagnostiziert die „Neue Osnabrücker Zeitung“. Die „Volksstimme“ aus Magdeburg bilanziert: „Über seine mögliche Kanzlerkandidatur ist lange in den Hinterzimmern getuschelt worden. Jetzt können alle, die das wollen, Söder als legitimen Merkel-Nachfolger betrachten. Sollen die Konkurrenten aus der CDU doch gelb vor Neid werden.“ Und für die „Heilbronner Stimme“ ist klar: „Seit gestern ist der wendige Franke erster Anwärter für die Kanzlerkandidatur der Union.“

So ähnlich schreiben es viele Zeitungen, die Bilder schafften es auf die Titelseiten und in alle Hauptnachrichten. Die Kandidatenfrage, die derzeit ja angeblich gar nicht ansteht, entfaltet dadurch eine neue Dynamik. Seit Wochen wird hinter vorgehaltener Hand über eine Wende im Kampf um den CDU-Vorsitz spekuliert: Demnach könnte Jens Spahn das Tandem mit Armin Laschet verlassen und selbst nach dem Vorsitz greifen – die Kanzlerkandidatur aber Söder überlassen.

Offiziell bleibt der Zeitplan natürlich unverändert. Erst beim CDU-Parteitag im Dezember soll die Entscheidung über den Vorsitz fallen. „Und danach entscheiden die beiden Parteien, wer die besten Chancen hat und wer gemeinsam von beiden Parteien gut getragen werden kann“, betonte Söder auch nach dem Spektakel von Herrenchiemsee.

Doch die Spekulation um ein Tandem aus Spahn und Söder bekommen nun durch ein Interview von Spahn neue Nahrung, das er der „Zeit“ gemeinsam mit Wolfgang Schäuble gegeben hat. Die Nachwuchshoffnung und der Elder Statesman. Der 77-Jährige darf den 40-Jährigen also ausführlich loben: „Er hat einen klaren Kopf, er kann gut kommunizieren und formulieren – und er ist bereit, sich anderen Meinungen zu stellen, darüber zu diskutieren. Er schreckt auch vor Streit nicht zurück. Und er hat den Willen zur Macht“, sagt Schäuble über Spahn. Und Spahn wiederum sagt über Söder: „Ein starker bayerischer Ministerpräsident ist immer auch ein möglicher Unionskandidat.“ An Personaldebatten will sich Schäuble – natürlich – nicht beteiligen. Weder beim Vorsitz noch in der K-Frage.

Es bleibt die Woche der dünnen Worte und der umso größeren Symbole: Merkel und Söder, Schäuble und Spahn. Letzterer verbringt seinen Sommerurlaub übrigens in Bayern.  mik

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