Eskalation im täglichen Masken-Krieg

von Redaktion

Trotz steigender Zahlen verweigern viele US-Bürger den Gesichtsschutz – Spuckattacken, Beleidigungen und Angriffe

Washington – Die von der Körperkamera der Polizistin aufgenommenen Szenen sind dramatisch – und folgenreich. Die jetzt veröffentlichten Bilder zeigen den Tod des 43-jährigen Sean Ruis nahe der Stadt Lansing im US-Bundesstaat Michigan. Ruis steigt aus seinem Fahrzeug und läuft mit einem Messer in der Hand auf die Ordnungshüterin zu. Diese muss mehrfach feuern und sogar eine Ladehemmung beseitigen, bis der Angreifer schließlich zu Boden sinkt. Ruis hatte zuvor in einem Lebensmittelgeschäft einen 77-jährigen Kunden mit Stichen verletzt, weil dieser ihn zum Tragen einer Maske aufgefordert hatte.

Ruis ist das vorerst letzte Opfer im Masken-Krieg, der die USA angesichts der Corona-Pandemie erfasst hat. Nachdem aufgrund der explodierenden Fallzahlen die meisten Bundesstaaten die vor Wochen verkündeten Lockerungen zurückgefahren haben, liegen die Nerven blank bei jenen, die nicht an den Nutzen einer Mund- und Nasen-Bedeckung glauben.

Sie alle hatten ein prominentes Vorbild: US-Präsident Donald Trump lehnte eine Masken-Nutzung lange ab und lenkte erst am Wochenende ein, als er beim Besuch des Militärkrankenhauses Walter Reed in Washington eine schwarze Maske trug. In Interviews betont der Präsident nun: „Masken sind gut.“ Doch in der Bevölkerung hält die Debatte an – mit zunehmenden Aggressionen.

In der Stadt Brookline (Massachusetts) schloss der Besitzer von „Michaels Deli“ am Montag sein Restaurant, weil seine Angestellten und er selbst die täglichen Masken-Konfrontationen nicht mehr ertragen konnten. Im Ort Jamaica Plain, ebenfalls Massachusetts, stellte Stacy Radowitz, die Besitzerin einer Eisdiele, angesichts der anhalten Flüche von Kunden den Verkauf ein.

Nicht alle Bundesstaaten haben derzeit eine Maskenpflicht. Manche überlassen solche Regelungen trotz steigender Infektions- und Todesraten weiter Städten oder Bezirksregierungen. Dabei ignorieren vor allem von Republikanern geführte Staaten wie Florida, dass die US-Seuchenbehörde CDC zu dem Schluss kommt: Wenn alle Bürger eine Schutzmaske tragen würden, wäre die Pandemie in ein bis zwei Monaten unter Kontrolle.

Doch vielen Menschen in den USA fehlen weiter Wille und Einsicht. Zu ihnen zählte auch der 37-jährige Armee-Veteran Richard Rose aus Ohio. Er hatte mehrfach in sozialen Medien ein Maskentragen als „Überreaktion“ bezeichnet und Ende April geschrieben: „Um es ganz klar zu machen: Ich werde keine Maske kaufen.“ Anfang Juli stellten sich bei ihm erste Corona-Symptome ein, am 4. Juli starb er. Zuvor schrieb er auf Facebook: „Diese Covid-Scheiße ist Mist. Ich bin schon vom Sitzen außer Atem.“

In einer am Dienstag von der CDC veröffentlichten Studie schilderten Experten, welchen Unterschied Schutzmasken machen können. Die Mediziner untersuchten den Fall eines Friseurstudios in Missouri, wo zwei infizierte Angestellte Mitte Mai weitergearbeitet hatten. Sie trugen wie auch alle Kunden Masken. Nun stellte sich heraus, dass von 139 befragten Besuchern des Salons nicht ein einziger am Virus erkrankte.

Ob solche Meldungen die Gemüter der Maskengegner im Land beruhigen werden, ist unklar. In den letzten Tagen wurden aus mehreren Städten Spuck-Attacken gegen Bürger gemeldet, die es wagten, ohne Masken Geschäfte zu betreten. Oder gegen jene, die andere zum Maskentragen ermahnt hatten.

In Detroit bezahlte ein Sicherheitsbeauftragter eines Drogeriemarktes den Masken-Krieg mit seinem Leben. Nachdem er drei Kunden ermahnt hatte, Mund und Nase zu bedecken, gingen diese zu ihrem Auto und kamen mit einer Schusswaffe zurück. Der Wachmann verblutete im Laden. F. DIEDERICHS

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