Stockholm – Die Bilder von vollen Cafés und Bars gingen um die Welt. Während andernorts Ausgangsverbote und Grenzschließungen verhängt wurden, um das einfallende Coronavirus einzudämmen, setzten die Schweden unbeirrt von scharfer Kritik aus dem Ausland auf freiwilliges Verantwortungsbewusstsein. Selbst eine Maskenpflicht im öffentlichen Nahverkehr wurde nie verhängt.
Das Gesundheitssystem hatte dennoch keine Engpässe. Auch die Anzahl der Neuansteckungen, Intensivstationspatientenanzahl und Toten geht seit Wochen deutlich zurück.
Laut Gesundheitsamt könnte eine Erklärung die greifende Herdenimmunität sein. Wenn sich genügend Bürger oft nur mit milden oder ganz ohne Symptome mit Covid-19 angesteckt haben und danach immun sind, kann das Virus sich nicht mehr so schnell ausbreiten – so der Gedanke.
In Stockholm, das einen Großteil der Erkrankungen (22 600 von 77 281) und Toten (2373 von 5619) in Schweden zu verzeichnen hatte, sieht das Gesundheitsamt nun deutliche Anzeichen für den Beginn einer solchen Herdenimmunität. Insgesamt soll laut der Schätzung des Chefs des Amtes, Johan Carlson, 40 Prozent der Stockholmer Bevölkerung immun sein.
„Es gibt viel, das dafür spricht, dass es so ist“, sagt Generaldirektor Carlson der führenden Landeszeitung „Dagens Nyheter“. Insgesamt sollen demnach zwischen 17,5 und 20 Prozent der Stockholmer Antikörper gegen Corona in sich tragen. Zudem würden Studien nahelegen, dass noch mal ungefähr genauso viele Stockholmer über T-Zellen Immunität entwickelt hätten. Zusammen also bis zu 40 Prozent. Wenn davon ausgegangen wird, dass vor allem jüngere, gesunde und sozial sehr aktive Personen zu diesen Gruppen gehören, könne das ein Grund sein, warum das Virus in Schweden auf dem Rückzug ist, obwohl die Sommerwärme die Menschen wieder weitaus mehr im Alltag zusammenführt als noch im Frühling, so eine These.
Allerdings ist das Thema Herdenimmunität bei Corona unter Wissenschaftlern sehr umstritten. Auch die Frage wie lange jemand immun ist, wenn er sich einmal angesteckt hat, ist ungeklärt. Eine im führenden Fachmagazin „Nature“ veröffentlichte Studie hat nachgewiesen, dass die körpereigenen T-Zellen nach einer Covid-19 Ansteckung viele Jahre vor einer Wiederansteckung schützen. Eine große spanische Studie ergab dagegen, dass Antikörper gegen Covid-19 schon nach 20 bis 30 Tagen deutlich vermindern. Auch die Münchner Untersuchungen der Webasto-Fälle im Landkreis Starnberg gehen eher von einer Kurzlebigkeit der Antikörper aus.
Zudem ist auch nicht ganz klar, inwieweit T-Zellen als Indikator genutzt werden können. „Wenn man weiß, wie T-Zellen funktionieren, weiß man auch, dass alle Menschen T-Zellen gegen unterschiedliche Sachen haben. Es ist schwer zu sagen, ob diese gerade für Corona gelten“, so Petter Brodin, Immunologe am Stockholmer Karolinska Institut gegenüber „Dagens Nyheter“. Doch er räumt ein: „Es gibt keinen Zweifel daran, dass sich die Corona-Ausbreitung vermindert. Da ist irgendetwas, das die Zahlen in Stockholm runtertreibt.“ Immunität sei ein denkbarer Mechanismus – wenn auch vermutlich nicht der einzige Faktor. A. ANWAR