Deutsche Kuratorin in Bagdad entführt

von Redaktion

Abu Nawas im Zentrum von Bagdad gilt als vergleichsweise sicher – Iran-treue Milizen unter Tatverdacht

Bagdad/Berlin – „Bagdad Walk“ heißt eines der vielen Projekte, mit der Hella Mewis in der irakischen Hauptstadt den kulturellen Dialog von morgen anstoßen will. Junge Künstler stellen dabei während eines Rundgangs an verschiedenen Orten ihre Arbeiten vor und verknüpfen sie mit persönlichen und historischen Erzählungen. Eine auch politisch gefärbte Wanderausstellung, um die komplexe Geschichte Bagdads künstlerisch aufzuarbeiten – so sieht es die von Mewis mit ausgearbeitete Choreographie vor.

Kollegen, Aktivisten und Freunde loben Werk und Wirken der in Bagdad lebenden Deutschen, die in Berlin geboren wurde und seit rund zehn Jahren Kunst- und Kulturprojekte im Irak anstößt oder daran mitwirkt. Nun könnte Mewis Opfer der politischen und konfessionellen Spannungen des Landes geworden sein. Unbekannte entführten sie im Stadtteil Abu Nawas im Zentrum Bagdads unweit des Kulturinstituts Bait Tarkib, an dessen Aufbau sie seit einigen Jahren arbeitete. Sicherheitskräfte fahnden nach ihr, der irakische Innenminister Othman Al-Ghanmi fordert „verstärkte Bemühungen bei der Suche“.

Für die deutsche Staatsbürgerin, die sich nach Worten ihrer Bekannten mit dem Selbstverständnis einer Irakerin durch Bagdad bewegt, müssen es Minuten des Grauens gewesen sein. Bewaffnete Männer in zwei Autos hätten sie auf der Straße in ihre Gewalt gebracht, sagt ihre Freundin Sirka Sarsam. Die Gegend in der Nähe des Flusses Tigris gilt eigentlich als vergleichsweise sicher. Nicht weit von hier liegen etwa die französische Botschaft und verschiedene Regierungsgebäude, auch Straßencafés und Hotels.

Die knapp 50 Jahre alte Mewis machte sich die Förderung junger Künstler im Irak zur Herzensangelegenheit. Durch Bait Tarkib, durch Festivals für Theater und Film. Sie gilt als gut vernetzt, hat im Land Kontakte zu Künstlern, Intellektuellen und in die Politik. „Natürlich sind einige in der irakischen Gesellschaft konservativ“, sagte sie dem US-Fernsehsender PBS im vergangenen Jahr. „Aber einige von ihnen haben schlicht Angst, etwas zu verändern.“ Nach der ersten Kunstausstellung im Irak seien die Menschen „schockiert“ gewesen, sagte Mewis. Damit komme auch die Frage auf: „Was ist Kunst?“

Aus Berlin ist zunächst kaum etwas zu dem Fall zu erfahren. Außenminister Heiko Maas setzte seinen Krisenstab ein. Er wolle sich „mit Blick auf das Wohlbefinden der Betroffenen“ nicht näher dazu äußern, so Maas.

Mewis, die auch als freie Mitarbeiterin und Beraterin für das Goethe-Institut arbeitet, hat sich in Bagdad einen Namen gemacht. Ein wenig auffallen dürfte sie durch ihr blondes, schulterlanges Haar zwischen vielen Irakern sowieso. Sie ist nicht die erste Deutsche, die im Irak entführt wurde.

Mit der Verdrängung des Islamischen Staats (IS) haben Milizen ihre Macht im Land ausgedehnt. In den letzten Jahren kam es mehrfach zu Entführungen, Raubüberfällen und anderen Gewaltverbrechen. Erst vor zwei Wochen haben Unbekannte den Historiker und Terrorismusexperten Hischam al-Haschimi nahe seiner Wohnung erschossen. Wie bei Al-Haschimi richtet sich jetzt der Verdacht gegen den IS und die Schiitenmiliz Kataib Hisbollah. Sie zählt u den stärksten irantreuen Milizen im Irak mit großem politischen Einfluss. JOHANNES SCHMITT-TEGGE

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