München/Wien – Sebastian Kurz wählt das Beispiel der Ziehharmonika. Manchmal gehe es in die eine Richtung, dann wieder in die andere, es gebe „ein ständiges Auf und Ab zwischen Fortschritt und Rückschlag“, zwischen größtmöglicher Freiheit und notwendiger Einschränkung. Jetzt ist eben die Zeit für Einschränkungen gekommen.
Ab Freitag werden die Österreicher sie konkret erfahren. Dann kehrt das Land in der Corona-Krise zur Maskenpflicht zurück „in allen Bereichen des täglichen Lebens“, wie der Bundeskanzler es ausdrückt. Supermärkte, Banken, Postfilialen. Überall dort, wo Menschen einen Besuch gar nicht vermeiden können, müssen sie Mund und Nase wieder bedecken, wie es in öffentlichen Verkehrsmitteln die ganze Zeit vorgeschrieben war.
Die Bundesregierung zieht damit die Konsequenz aus der Zahl der Neuinfektionen, die zuletzt moderat, aber stetig stiegen. Als „magische Schwelle“ nennt Kurz einen dreistelligen Wert. Gestern lag die Zahl bei 84 Personen innerhalb von 24 Stunden, zuvor war sie aber auch mal spürbar höher gewesen. Aktuell sind 1400 Menschen an Covid-19 erkrankt.
Österreich hat im Frühjahr mit seinen weitreichenden Maßnahmen das Virus spürbar eingedämmt und diente der bayerischen Staatsregierung lange als Vorbild. Mitte Juni lockerte Kurz dann überraschend die strengen Bestimmungen. In vielen Bereichen entfiel die Pflicht zur Maske, auch wenn bei größeren Menschenansammlungen weiterhin eine dringende Empfehlung ausgesprochen wurde. Dieser Schritt sei kein Fehler gewesen, findet Kurz: „Ganz im Gegenteil.“ Es sei immer die strikte Devise gewesen, sich an die aktuelle Situation anzupassen. Stichwort Ziehharmonika. Und schließlich habe er schon bei der Lockerung vor fünf Wochen seinen Landsleuten den Rat gegeben: „Werfen Sie die Maske nicht weg, Sie werden sie noch brauchen.“ Früher als erhofft ist es nun so weit.
Die aktuelle Entwicklung in Südosteuropa hat diese Entwicklung offenbar beschleunigt. Viele der Neuinfektionen seien aus der Balkanregion eingeschleppt worden, sagt Kurz, deshalb gibt es bereits Reisewarnungen sowie Quarantänepflicht für Einreisende, die keinen negativen Test vorweisen können. Die Corona-Ampel, die regionale Maßnahmen steuern soll, wird im August in den Probebetrieb gehen.
„Reißen wir uns wieder stärker zusammen, wenn es notwendig ist“, appelliert Kurz. Der Herbst, glaubt auch Gesundheitsminister Rudolf Anschober, werde „eine schwierige Herausforderung“, aber zumindest könne man sich diesmal vorbereiten. „Das machen wir sehr professionell.“ MARC BEYER