München – Für einen boomenden Flughafen sind das traurige Bilder. Verwaiste Geschäfte in leeren Terminals, Anzeigetafeln mit einem lächerlichen Dutzend Flügen, draußen eingemottete Flugzeuge, die höchstens mal zu einem Bewegungsflug gegen das Einrosten ausgepackt werden – so sah es am Flughafen München zu den schlimmsten Corona-Zeiten aus, und auch jetzt noch ist der Normalbetrieb himmelweit entfernt. Kleine Delle? Die Beule wird wohl viel tiefer.
In diesen Tagen haben Gespräche über Einschnitte begonnen. Der Aufsichtsrat des Flughafen-Betreibers FMG steuert auf schmerzhafte Korrekturen auch beim Personal zu. Die Geschäftsführung unter dem eben erst berufenen Chef Jost Lammers soll Reaktionen auf mehrere Szenarien vorschlagen. „Wir können da nicht noch zuschauen“, sagt ein Aufsichtsrat.
Zentrales Problem sind die auf einen Bruchteil eingebrochenen Passagierzahlen. Im Mai 2019 zählte der Airport 4,3 Millionen – im Mai 2020 nicht mal mehr 40 000. „Es gibt massive Einnahmeausfälle“, heißt es in der Branche. Das treffe die FMG und ihre rund 20 Tochterfirmen, auch die bisher profitablen, die Läden und Gastronomie in den Terminals verwalten.
Die Politik rechnet fest mit Personalabbau am Flughafen, wenngleich betriebsbedingte Kündigungen vermieden werden sollen. Aufsichtsratschef Albert Füracker äußert sich vorsichtig: Je mehr geflogen werde, desto weniger wahrscheinlich seien Kündigungen. An anderer Stelle heißt es in der Regierung klar: „Das kommt so, leider“, beim Flughafen wie wohl in anderen Staatsbeteiligungen wie bei Messen. Der Flughafen werde ähnlich wie Frankfurt betroffen sein. Dort streicht der Betreiber Fraport bis zu 4000 seiner 22 000 Stellen. Am Münchner Flughafen arbeiteten 2019 rund 38 000 Menschen, davon knapp 10 000 bei der FMG.
Es geht um extrem viel Geld für den Wirtschaftskreislauf: Die Airport-Gehälter summieren sich auf zwei Milliarden Euro pro Jahr. Auch für das reiche München und das nördliche Umland ist das bedeutsam: In den Kreisen Erding und Freising hängt jeder vierte Job direkt mit dem Flughafen zusammen. Es ist ja nicht die in Staatsbesitz befindliche FMG (51 Prozent Freistaat, 26 Bund, 23 München) allein. Gleichzeitig durchläuft die für München wichtige Lufthansa (14 000 Mitarbeiter hier) ein rigoroses Sparprogramm und sieht –weltweit – einen Überhang von bis zu 22 000 Stellen.
Gestern tagte der Betriebsrat der FMG (31 Mitglieder) den ganzen Tag über. Erst alleine, am Nachmittag kamen Lammers und FMG-Personalchef Robert Scharpf dazu. Das sei nicht ungewöhnlich, sagt ein Flughafen-Sprecher. „Arbeitnehmer und Arbeitgeber beraten regelmäßig.“
Stellenabbau sei konkret nicht besprochen worden, heißt es auch von anderer Seite zu den Beratungen. Es wäre auch ein harter Schlag, gerade für die Beschäftigten der großen FMG-Töchter wie Aeroground – der Flugzeugabfertiger hat viele gering qualifizierte Beschäftigte, die woanders schwierig einen Job finden. Wohl aber ging es um Konsolidierung des Konzerns, um Einsparungen, auch um die über 600 Azubis der FMG – und deren Zukunftsaussichten. Die Gespräche seien erst am Anfang. „Da ist etwas in Fluss gekommen“, heißt es.
Der Kampf um die Stellen dürfte hart werden. Die Beschäftigten sind doppelt geschützt, dass 2020 noch gekündigt wird, hält man in Gewerkschaftskreisen für unwahrscheinlich. Bis Ende März 2021 ist per Betriebsvereinbarung Kurzarbeit beschlossen, sogar mit Aufstockungen – Kündigungen sind laut Paragraf 7 des Vertrags solange nicht möglich, bis diese Vereinbarung nicht aufgekündigt ist. Zudem gilt bis 2024 ein Sanierungs-Tarifvertrag – er stammt sinnigerweise aus der Zeit der Finanzkrise 2011. Beide Verhandlungsseiten sind also krisenerprobt, auch wenn es jetzt noch dicker kommen könnte. C. DEUTSCHLÄNDER / D. WALTER