Das Wunschdenken des Außenseiters

von Redaktion

Röttgen ist im Kampf um den CDU-Vorsitz dritte Kraft, sieht das Rennen aber offener denn je

München – Ein Mann, der Kanzler werden will, muss viele Fragen beantworten, und wenn es die nach seinen Haaren ist. Dass Norbert Röttgen in dieser Hinsicht Ähnlichkeit mit Helmut Schmidt aufweise, hat er schon öfter gehört. Zuletzt gestern. Die identischen Seitenscheitel seien aber „reiner Zufall“, beteuert er. „Keine Stilisierung.“

Für Röttgens Kampagne um den CDU-Vorsitz ist es gerade keine so gute Zeit, und das liegt nicht daran, dass er zu Äußerlichkeiten befragt wird. Im Kreis der Bewerber, dem auch Armin Laschet und Friedrich Merz angehören, ist der Rheinländer bis heute der dritte Mann, der immer ein bisschen unter dem Radar bleibt. Während Laschet durch die Regierungsverantwortung in Nordrhein-Westfalen zwangsläufig im Fokus der Öffentlichkeit steht – was nicht immer zu seinem Vorteil ist –, verkörpert Merz die ewige Sehnsuchtsfigur des Wirtschaftsflügels und der Konservativen. Röttgen dagegen hat die Außenseiterrolle seit Verkünden seiner Kandidatur nie abstreifen können.

Gestern ist er zu Besuch im Münchner Presseclub gewesen. Zur Vorbereitung legte ihm sein Team die aktuellen Zahlen des „Bayerntrends“ vor, die ihn hinter Merz zeigen, aber klar vor Laschet. Er möge die Bayern, schmeichelt Röttgen, aber er weiß selbst, dass diese Zahlen ihm wenig helfen. Laschet, der ein unausgesprochenes Fernduell mit Markus Söder führt, hat im Freistaat einen besonders schweren Stand. Außerdem wird die Frage nach dem Parteivorsitz nicht in Bayern entschieden. Ganz abgesehen davon, dass in der Frage der Kanzlerkandidatur noch Markus Söder ins Spiel kommt, der sich in völlig anderen Umfragesphären bewegt.

Die Corona-Krise hat Röttgens Chancen zusätzlich torpediert. „Friedrich Merz und ich waren praktisch nicht sichtbar“, räumt er selbst ein. Zwar hält er das Rennen innerhalb der CDU für „offener“ als vor der Pandemie, aber seine Argumentation bewegt sich zwischen List und Wunschdenken. „Man hätte annehmen können, das wird geklärt durch Regierungshandeln“, aber diesen Effekt – so klingt es bei ihm durch – hat Armin Laschet nicht für sich nutzen können. Die Krise, sinniert Röttgen, „hat Risiken und Chancen geboten für Politiker, und von diesem Potenzial ist unterschiedlich Gebrauch gemacht worden“.

Nicht nur in der Union genießt er den Ruf eines hellen Kopfes und scharfen Analytikers. Er wird aber auch immer wieder reduziert auf seine Expertise als Außenpolitiker. 2012 warf Angela Merkel den damaligen Umweltminister aus dem Kabinett, nachdem er der CDU bei der Landtagswahl in NRW das schlechteste Ergebnis ihrer Geschichte beschert hatte. Zwei Jahre später übernahm er den Vorsitz im Auswärtigen Ausschuss des Bundestages. Röttgen bezieht selbstbewusste Standpunkte gegenüber China und fordert von Europa mehr Führungsstärke, die sparsamen Vier vom EU-Gipfel nennt er „die vier Geizigen“. Er hat einerseits sein Profil geschärft, sich damit aber andererseits einen Platz in der Nische erarbeitet. Sein Verhältnis zu Merkel nennt er heute „absolut okay“. Dass sich die Kanzlerin für ihn aber vehement ins Zeug legen wird, lässt sich aus dieser Einschätzung nicht schließen.

Röttgen sieht die CDU vor einer „grundlegenden Erneuerung“, weil die Gräben zwischen Bevölkerung und Politik tiefer und breiter geworden sind. Die Entscheidungen über Parteivorsitz und Kanzlerkandidatur müssten mit dem Anspruch erfolgen, dass sie für ein Jahrzehnt gelten. Man wolle nicht alle zwei Jahre den Vorsitzenden wechseln und den Kanzler auch noch eine Weile stellen, sagt Röttgen, mit 55 zufällig der jüngste der Kandidaten: „Die Perspektive muss also sein: Mit wem können wir uns die nächsten zehn Jahre vorstellen?“ Wie viel Erneuerung sich eine Partei, die in den Umfragen einen stabilen Vorsprung hat, aber tatsächlich wünscht, wird sich erst zeigen müssen. MARC BEYER

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