„Granitfels einer schwankenden Politik“

von Redaktion

VON MARCUS MÄCKLER UND ANDREAS THIEME

München – Er war SPD-Chef, Bundesminister und Kanzlerkandidat – und bleib für viele doch vor allem Münchens Alt-OB. Hans-Jochen Vogel stand für diese Stadt wie nur wenige andere. In der Seniorenresidenz Augustinum, wo er mit seiner Frau wohnte, empfing er gelegentlich noch Besuch – auch aus Berlin. Vor allem aber schrieb er Briefe und blieb denen, die ihn interessierten oder ihm wichtig waren, so verbunden. „Er wird mir, uns allen sehr fehlen“, sagt OB Dieter Reiter. Viele fühlen ähnlich:

Alt-OB Christian Ude (72) kannte Hans-Jochen Vogel seit 60 Jahren. „Er war der Granitfels einer schwankenden Politik. Der große Reformer und Mister Olympia, der die Spiele nach München geholt hat.“ Vogel sei auch Autoritätsfigur gewesen, an der sich die Studenten gerieben hätten. „1968 haben wir unseren Frieden geschlossen, seitdem ist er für mich das kommunalpolitische Vorbild. Und er wurde ein immer besserer und engerer Freund, bis ich in drei Ämtern sein Nachfolger wurde.“ Als Münchens OB, Präsident des Städtetages und SPD-Spitzenkandidat.

„Heute ist so ein Tag, von dem man hofft, dass er nie kommt“, sagt Bayerns SPD-Chefin Natascha Kohnen (52). Sie habe viel von Vogel gelernt. „Er hatte eine solche Energie, war so wach und gleichzeitig manchmal unglaublich streng“. Das merkte Kohnen vor allem bei Vogels letztem großem Herzensthema, der Bodenreform. „Wenn ich mal eine Rede gehalten habe, ohne den Boden zu erwähnen, kam am nächsten Tag ein Brief von ihm“, erzählt sie. Bis zuletzt sei Vogel ein Vorbild für viele Sozialdemokraten gewesen. „Jeder, der von Berlin nach München kam, hat ihm einen Besuch abgestattet. Niemand hat es gewagt, an ihm vorbeizugehen.“ Auch für Kohnen war er bis zuletzt wichtig und wird es bleiben. „Ich habe ihn im Ohr, wie er sagt: Geh’ an die Wurzel der Probleme.“ Das sei ihr Versprechen an ihn: „So lange ich Politik mache, mache ich Bodenpolitik.“

Der Tod Vogels „berührt mich sehr“, sagt Ministerpräsident Markus Söder (CSU). Über alle Parteigrenzen hinweg habe sich der SPD-Politiker „durch seine glaubwürdige Politik und authentische Art höchstes Ansehen“ erarbeitet.

Im November 2019 diskutierte Münchens OB Dieter Reiter noch öffentlich mit dem Alt-OB über Bodenpreise und Mieten. Vogel sei ein „überzeugter Kämpfer für soziale Gerechtigkeit“ gewesen, sagt Reiter. „Ein großer Denker und Visionär.“ Der OB erinnert an die Verdienste Vogels. „Ohne die visionäre Politik von Hans-Jochen Vogel wäre München nicht schon 25 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg zu der weltoffenen Stadt, wie wir sie kennen, geworden. Er wird mir, uns allen sehr fehlen.“

Es ist ein irgendwie altbackenes Wort, mit dem Ilse Aigner Vogel beschreibt – aber in diesem Zusammenhang klingt es sehr treffend. „Für mich war er immer ein Ehrenmann“, sagt die Landtagspräsidentin. „Engagiert, unaufgeregt, mit klarem Blick –das war er.“ Aigner erinnert unter anderem an die Olympischen Spiele in München, die auf immer mit Vogel verbunden seien.

Auch die Opposition im Bundestag nimmt Abschied vom früheren SPD-Vorsitzenden. Er sei „ein Sozialdemokrat mit festen Werten und klarem Kompass gewesen“, sagen die Grünen-Fraktionschefs Katrin Göring-Eckardt und Anton Hofreiter. „Sein Denken und Handeln waren geprägt vom Kriegserlebnis und der Aufarbeitung des Terrorregimes der Nazis.“ Bayerns FDP-Chef Daniel Föst erzählt, von Vogel habe er einmal einen sehr zentralen Rat bekommen: Bürgeranliegen nie kleinreden. „Herr Föst, merken Sie sich eins, kein Brief bleibt unbeantwortet.“ Vogel sei „ein wirklich beeindruckender Mann“ gewesen. FDP-Bundeschef Christian Lindner sagt, Vogel habe „über jeden Zweifel erhabene Integrität“ besessen.

Münchens SPD hebt besonders „Klugheit, Beharrlichkeit, Bescheidenheit, Anstand und Pflichtbewusstsein“ Vogels hervor. Ihre Vorsitzende Claudia Tausend hat ihn auf vielen Veranstaltungen getroffen: „Seine Appelle, seine Redebeiträge haben uns immer klar gemacht, wofür Sozialdemokratie steht und wofür wir arbeiten.“ Bis zuletzt sei Vogel der beste Anwalt für ein soziales Bodenrecht gewesen. Sie verneige sich vor einem „beispiellosen Menschen, dessen Charakterzüge wir gerade heute so dringend weiter gebraucht hätten“.

Auch Kanzlerin und Bundespräsident würdigen den Münchner. „Sein Wirken war und ist Inspiration und Vorbild für vielen Menschen in Deutschland“, sagte Angela Merkel. In einem Kondolenzbrief an Liselotte Vogel berichtet Frank-Walter Steinmeier, wie sehr ihn Vogels „Disziplin und Geradlinigkeit, sein Pflichtbewusstsein und sein christliches Menschenbild“ beeindruckten. Dieser Abschied sei auch für ihn persönlich ein großer Verlust. „Ein lebhafter Demokrat“, sagt er. Mitarbeit: cd/mbe/kv/dpa

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