Berlin/München – Chaos in Deutschland. Auf einen strapaziösen Sommer folgt ein turbulenter Herbst. Jeden Monat erreichen viele zehntausend Schutzsuchende das Land. Die Behörden kommen nicht hinterher mit der Registrierung und Unterbringung. Im August 2015 sagt Angela Merkel einen Satz, der positiv auf die Einstellung in der Bevölkerung zu den Flüchtlingen wirken soll. Mit ihrem beschwörenden „Wir schaffen das“ provoziert sie aber auch viele. Wie ist der Stand der Integration heute – vor allem auf dem Arbeitsmarkt?
Am Ende waren 2015 deutlich mehr als 800 000 Asylbewerber nach Deutschland gekommen. Nie zuvor in der Geschichte waren es innerhalb eines Jahres so viele. Die Flüchtlinge aus einem Kriegsgebiet – etwa in Syrien – waren aber oft wenig vorbereitet auf die Migration. Mitgebrachte Qualifikationen passten oft wenig zu den Anforderungen. Deutsch konnten viele nicht. „Geflüchtete haben aus vielen Gründen schlechtere Voraussetzungen für die Integration in den Arbeitsmarkt, das Bildungssystem und andere gesellschaftliche Bereiche als Migranten, die auf anderen Wegen nach Deutschland gekommen sind, etwa über Erwerbsmigration oder Familiennachzug“, schreibt der Arbeitsmarktforscher Herbert Brücker in einer neuen Studie.
Die Bundesregierung sieht Deutschland in der Migrationspolitik heute „besser sortiert als 2015“, wie Arbeitsminister Hubertus Heil sagt. Nach teils erbittertem Streit sind Gesetze für leichtere Abschiebungen, für bessere Integration und für Fachkräfteeinwanderung auf den Weg gebracht worden.
Tatsächlich fällt die Bilanz nach fünf Jahren gemischt aus. Ungefähr die Hälfte der erwerbsfähigen Flüchtlinge, die heute im Land sind, hat einen Job. Verdienst im Schnitt: 1863 Euro brutto. Wiederum die Hälfte davon arbeitet auf Fachkräfteniveau, sagt Daniel Terzenbach, Vorstandsmitglied der Bundesagentur für Arbeit (BA) in Nürnberg. 44 Prozent der Erwerbstätigen sind als Helfer tätig. Von den erwachsenen Geflüchteten insgesamt haben 23 Prozent seither eine allgemeinbildende Schule, eine berufliche Bildungseinrichtung oder eine Hochschule besucht. 85 Prozent haben an Deutschkursen teilgenommen, aber nur zwei Drittel haben diese Kurse abgeschlossen.
Deutschland liegt laut BA bei der Integration von Geflüchteten in den Arbeitsmarkt besser als andere Länder. Es gebe jedoch deutliche Unterschiede, sagt Terzenbach. Frauen seien schwieriger zu integrieren. Ein Grund: Traditionelle Rollenmuster – zuständig sind sie oft für Kinder. Deswegen nähmen sie nicht ausreichend an Integrations- und Qualifizierungskursen teil. Bei den Deutschkursen schaffte nur jede zweite Frau den Abschluss. Das Gefälle sinkt etwas, je länger die Migranten im Land sind.
Der Eintritt in den Arbeitsmarkt gelang für diese Ankömmlinge unterm Strich besser, als bei den Flüchtlingen im Zuge der Balkankriege in den 90ern, betont Brücker in seiner Studie für das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung. Denn: Die Aufnahmefähigkeit des Arbeitsmarktes war zuletzt einfach größer.
Es gibt aber bis heute teils deutliche Hürden für Asylbewerber. Viele bekommen nur zeitlich befristeten Schutz. Von den 1,36 Millionen Geflüchteten, die zum Jahreswechsel in Deutschland anerkannt waren, hatten laut Statistischem Bundesamt 80 Prozent Schutz auf Zeit erhalten. Insbesondere CDU/CSU fürchten, andernfalls Anreize für Migranten zu schaffen, sich auf den Weg zu machen.
Kritiker bemängeln, dass das auch Gruppen betreffe, die absehbar nicht ohne Gefahr für Leib und Leben in ihr Herkunftsland zurückkehren können – etwa Syrer. Die unsichere Zukunft in Deutschland erschwere Betroffenen die Integration und schrecke potenzielle Arbeitgeber ab. Auch die Hürden, Angehörige nachzuholen, sind höher.
In diesen Monaten haben es Geringqualifizierte auf dem Jobmarkt oft besonders schwer. Sie verlieren in der Krise leichter ihren Job, wie Terzenbach sagt. Flüchtlinge sind stark betroffen. „Keine formale Qualifikation und schlechte Sprachkenntnisse – insbesondere wenn diese beiden Merkmale zusammenkommen, führt das häufiger zum Arbeitsplatzverlust.“