München – Es sind unerfreuliche Zahlen. Zum einen sind da die steigenden Corona-Infektionsfälle, die mittlerweile so hoch sind wie seit Wochen nicht mehr. Und dann ist da die Umfrage, dass nur noch wenige an Besserung glauben: Mehr als drei Viertel der Deutschen (77 Prozent) rechnen bald mit einer zweiten Welle. Nur 20 Prozent haben nach dem ZDF-Politbarometer die Hoffnung, dass es nicht dazu kommen wird.
Die Anspannung steigt. Ist Deutschland für eine zweite Welle gut genug gerüstet? Die Amtsärzte zweifeln daran. „Für eine zweite Pandemie-Welle sind die Gesundheitsämter viel zu knapp besetzt“, sagte die Chefin des Bundesverbands der Ärztinnen und Ärzte des Öffentlichen Gesundheitsdienstes (BVÖGD), Ute Teichert, der Funke-Mediengruppe. Sie warb für eine bundesweite Jobbörse, die im Ernstfall Mitarbeiter vermittle, die bereits geschult seien. Sie warnte: „Mit den steigenden Infektionszahlen rollt ein riesiges Problem auf uns zu.“
Das glaubt auch Professor Dr. Uwe Gerd Liebert – er leitet das Institut für Virologie der Leipziger Uni-Klinik. „Die Gesundheitsämter brauchen dringend mehr Personal“, sagt er. „Wenn daran nichts geändert wird, wird die Rückverfolgung der Infektionsketten viel schlechter – oder im Zweifelsfall sogar gar nicht mehr – stattfinden.“ Auch die Digitalisierung müsse vorangetrieben werden, sagt der Virologe, denn es dauere viel zu lange, bis die Fallzahlen beim Robert-Koch-Institut (RKI) ankommen. Bei Intensivbetten und Beatmungsgeräten sei Deutschland aber immerhin gut vorbereitet.
Laut Liebert dürften die Ämter nicht auf sich selbst gestellt sein. „Da muss es politische Unterstützung geben.“ SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach hingegen kritisierte die bisherige Arbeit der Ämter als „völlig ineffizient“. Es werde riesiger Aufwand mit massivem Personaleinsatz betrieben, sagte er dem „Spiegel“. Statt jedem Einzelkontakt nachzutelefonieren, sollten sich die Ämter allein auf „Superspreader“ konzentrieren – also hochansteckende Infizierte, die bei Veranstaltungen mehrere Teilnehmer angesteckt haben könnten.
Bayern weist die Kritik an den Ämtern zurück. An den 71 staatlichen Gesundheitsämtern, angesiedelt bei den Landratsämtern, gebe es 350 Stellen für Ärzte, 230 für Hygienekontrollpersonal und 250 für Fachkräfte für Sozialmedizin, sagt ein Sprecher des Gesundheitsministeriums. Von den Ärztestellen seien 33,1 unbesetzt. Die Teams, die Kontakten nachspüren sollen, seien auf Zeit um 4000 Mitarbeiter aus der Staatsverwaltung aufgestockt worden. Diese Woche habe das Kabinett beschlossen, die Unterstützungskräfte bis Jahresende bereitzustellen.
Ob es wirklich zu einer zweiten Welle kommt: Für Liebert spricht einiges dafür. „Wir rechnen damit, dass die Zahlen bis zum Ende der Ferienzeit noch deutlich ansteigen werden.“ Das liege zum einen an den vielen Urlaubsrückkehrern – vor allem aber an der zunehmenden Sorglosigkeit unter den Menschen. „Man ist unvorsichtig geworden. Das merkt man schon daran, dass der Mundschutz bei vielen nur noch unter der Nase hängt.“
Vielerorts wird diese Sorglosigkeit zum Problem: Nach einem privaten Fest sind im Kreis Kleve (Nordrhein-Westfalen) mehr als 50 Gäste positiv getestet worden. In Heide (Schleswig-Holstein) gelten seit Freitag wieder strenge Kontaktbeschränkungen. Im nahen Tourismusort Büsum gilt die Maskenpflicht jetzt auch in Fußgängerzonen.
Kritiker weisen aber darauf hin: Wird mehr getestet, steigen auch die Fallzahlen. Tatsächlich ist die Zahl der Tests in Deutschland laut RKI im vergangenen Monat von rund 500 000 auf 560 000 gestiegen. Die Anzahl der positiv Getesteten kletterte in dem Zeitraum von 3080 auf 4364 – damit ist die Positivenrate um 0,2 Prozent gestiegen. „Der Prozentsatz hat sich nicht massiv geändert“, sagt Liebert. „Aber in einem gewissen Maße haben die steigenden Zahlen auch damit zu tun, dass mehr getestet wird.“
Auch die Dunkelziffer spielt immer wieder eine Rolle: Dazu gehen die Einschätzungen weit auseinander. Das RKI beruft sich auf Studien aus China, die von einer Untererfassung der Anzahl der Infizierten um den Faktor elf bis 20 ausgehen. Liebert dagegen schätzt das zu hoch ein – bei Studien in Leipzig habe man von rund 2500 Getesteten gerade mal bei ein bis zwei Dutzend Teilnehmern Antikörper festgestellt. mit mb/cd/dpa