Eine Hausfrau fordert Europas letzten Diktator heraus

von Redaktion

Weißrussland: Präsident Lukaschenko sieht sich von Feinden umringt – Tichanowskaja tritt statt Ehemann an

Minsk – Kann eine „Hausfrau“ in Belarus (Weißrussland) „Europas letzten Diktator“ bei der Präsidentenwahl in die Knie zwingen? In dem seit mehr als einem Vierteljahrhundert von Präsident Alexander Lukaschenko mit harter Hand regierten Land ist das vor der Abstimmung in einer Woche (9. August) eine der meistdiskutierten Fragen. Denn die 37 Jahre alte Swetlana Tichanowskaja füllt seit Tagen in den Städten in Belarus ganze Stadien mit ihren Anhängern.

Die Mutter von zwei Kindern und ausgebildete Fremdsprachenlehrerin, die als Sekretärin und Übersetzerin arbeitete, gilt als die große Hoffnung vieler Menschen, Lukaschenkos international wegen Menschenrechtsverstößen kritisierte Herrschaft zu beenden.

Doch Lukaschenko kämpft bis zum Letzten um seine sechste Amtszeit. „Ich gebe die Macht nicht her“, sagt der 65-Jährige. Zu Hunderten ließ er zuletzt schon Aktivisten festnehmen, die gegen ihn auf die Straße gehen. Immer wieder stattet er Militär, Polizei und anderen Sicherheitsorganen Besuche ab, lässt sich Wasserwerfer und schlimmere Waffen zeigen und warnt vor der Gefahr eines Umsturzes – er droht sogar mit einem Armeeeinsatz, um eine Revolution in dem Land zwischen Russland und dem EU-Mitglied Polen zu verhindern. Nach 26 Jahren an der Macht sieht sich Lukaschenko, der so lange regiert wie niemand sonst in Europa, umzingelt von Feinden.

Sogar der Dauerverbündete Russland muss als Feind herhalten, der versuche, sich die Ex-Sowjetrepublik einzuverleiben. Erst vor wenigen Tagen nahm die Polizei mehr als 30 russische Söldner fest. Sie hätten angeblich Unruhe stiften wollen vor der Wahl. Moskau weist solche Anschuldigungen entschieden zurück.

Kremlchef Wladimir Putin weiß trotz aller Streitigkeiten, was er an Lukaschenko hat – ein Bollwerk gegen die Nato, die aus russischer Sicht von Westen her vordringe. Lukaschenko baue Druck auf gegen seine Gegner mit der These, dass Krieg ausbreche, wenn er nicht mehr an der Macht sei, sagte der Politologe Andrej Porotnikow.

„Wir wollen nur einen Machtwechsel, ehrliche Wahlen“, sagt dagegen die bescheidene Tichanowskaja. Sie mahnt ihre Landsleute, keine Angst zu haben. Niemand spreche von einer Revolution – außer Lukaschenko. Die junge Frau schafft aus Sicht von Kommentatoren etwas, was bisher niemand geschafft habe im Kampf gegen Lukaschenko: die Menschen zu mobilisieren und zu begeistern. „Es gibt das erste Mal seit Jahren eine Chance für etwas Neues in Belarus“, sagt die Expertin Maryna Rakhlei von der Denkfabrik German Marshall Fund in Berlin. Nach Jahren des Stillstands unter Lukaschenko seien die Menschen „müde und hoffnungslos“ – und sie hätten die Angst verloren vor Veränderung und vor den Festnahmen, wie es sie im Wahlkampf zu Hunderten gab.

Unter den Inhaftierten ist auch der populäre Videoblogger Sergej Tichanowski, dem die Behörden vorwerfen, mit den mutmaßlichen russischen Söldnern unter einer Decke zu stecken. Weil er im Gefängnis ist, hat seine Ehefrau Swetlana ihre Kandidatur erklärt – und als einzige Vertreterin der Opposition eine Zulassung bekommen.

ULF MAUDER UND CHRISTIAN THIELE

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