Berlin – Jenseits von Vorschriften und Erkenntnissen haben am Samstag in Berlin Tausende Menschen gegen die staatlichen Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie protestiert. Bereits die Demonstration wurde nach stundenlanger Missachtung der Hygieneregeln vom Veranstalter für beendet erklärt, bei der anschließenden Kundgebung sorgte dann die Polizei für das von Unmutsäußerungen begleitete Aus. Die Veranstalter seien nicht in der Lage, die Hygienemaßnahmen einzuhalten, sagte ein Polizeisprecher. Als Beamte begannen, die Menge aufzulösen, wurden sie zum Widerstand aufgefordert: „Verweigert den Befehl! Vor euch steht das Volk“. Insgesamt zog sich die Auflösung bis weit in den Abend.
Nach Schätzungen der Polizei schlossen sich bis zu 17 000 Menschen dem Demonstrationszug an, der sich seit dem Vormittag formierte. Rund 20 000 waren es danach bei der Kundgebung. Diese Zahlen scheinen mit Blick auf Eindrücke unabhängiger Journalisten und Auswertung von Foto- und Videomaterial nachvollziehbar. Auf der Veranstaltungsbühne war von 1,3 Millionen Teilnehmern die Rede.
Die Demonstranten forderten ein Ende aller Auflagen. Zu den Protesten hatte die Initiative „Querdenken 711“ aufgerufen. Kritiker dieser Proteste befürchten eine Vereinnahmung durch Verschwörungstheoretiker und Rechtspopulisten. Passanten mit Mund-Nase-Schutz wurden teils aggressiv aufgefordert, ihre „Masken weg“ zu nehmen. Auch Journalisten wurden angegangen. Bei der anschließenden Kundgebung schienen sich Hippies, Rechtsextreme oder selbst ernannte Bürgerrechtler bunt zu mischen. Die Polizei bilanzierte das Geschehen am Sonntag nur zusammen mit anderen Demonstrationen, wobei es etwa im Bezirk Neukölln zu Auseinandersetzungen kam: Insgesamt wurden 45 Polizeikräfte verletzt.
Auch gesamtgesellschaftlich büßt die Maskenpflicht Wissenschaftlern zufolge an Unterstützung ein. Der Psychologe Claus-Christian Carbon sprach gegenüber der „FAS“ von einer „regelrechten Erosion des Maskentragens“. Das Forschungsprojekt „Cosmo“ habe zudem festgestellt, dass die Akzeptanz der Corona-Maßnahmen aktuell auf das Niveau von vor dem Lockdown gesunken sei. Ein großer Teil der Menschen sei aber weiter bereit, sich zu schützen. 90 Prozent geben demnach an, häufig Maske zu tragen.