Macron erlebt Zorn und Verzweiflung

von Redaktion

Als erster internationaler Politiker reist Frankreichs Staatspräsident nach Beirut

Beirut – Es sind ungewöhnliche Bilder in diesen Zeiten: Emmanuel Macron läuft mit hochgekrempelten Ärmeln durch das zerstörte Beirut, verzweifelte und aufgebrachte Anwohner bestürmen ihn. Mit vielen spricht er ohne Mundschutz, eine weinende Anwohnerin umarmt er. Die Sicherheitskräfte schaffen es nur mühsam, eine Armlänge Abstand zwischen der Menge und dem französischen Staatspräsidenten zu halten.

Macron ist der erste internationale Politiker, der die Stadt nach der Katastrophe besucht. Am Morgen schon landet seine Maschine. Er belässt es nicht bei den üblichen Besuchs-Bildern in Ministerien und Residenzen, er lässt sich in die Innenstadt und ins zerstörte Hafengebiet fahren.

Macron spricht dort von einer „historischen Verantwortung“ für die politische Führung im Libanon. „Es handelt sich um eine politische, moralische, wirtschaftliche und finanzielle Krise, deren erstes Opfer das libanesische Volk ist, und sie erfordert extrem schnelle Reaktionen“, sagt er. Nötig seien im Land auch „starke politische Initiativen“, um gegen die Korruption und die Undurchsichtigkeit des Bankensystems zu kämpfen.

Bei einer Tour durch eine zerstörte Gegend im Zentrum von Beirut wird der Staatschef von wütenden Anwohnern empfangen. „Warum sind Sie gekommen?“, rufen einige von Balkons herunter. „Ihr seid alles Mörder“, schreit eine Frau unter Tränen. „Wo waren Sie gestern? Wo waren Sie am Vortag? Wo waren Sie, als diese Bomben im Hafen gelagert wurden?“ Andere beschimpfen den libanesischen Präsidenten Michel Aoun als „Terrorist“. Die lauten Rufe hallen über die Straße.

Vor Journalisten sagt Macron, die Unterstützung und Solidarität Frankreichs seien selbstverständlich. Er sei gekommen, um den Libanesen Frankreichs Freundschaft und Brüderlichkeit zu bringen. Man müsse zusätzliche französische und europäische Unterstützung organisieren. Frankreich wolle dies „in den kommenden Stunden“ tun. „Heute steht die Hilfe, die Unterstützung für die Bevölkerung im Vordergrund. Bedingungslos.“ Frankreich dringe aber bereits seit Jahren auf Reformen in den Bereichen Energie oder Korruptionsbekämpfung. „Wenn diese Reformen nicht durchgeführt werden, wird es mit dem Libanon weiter abwärts gehen“, mahnt Macron.

Der Libanon war früher Teil des französischen Mandatsgebiets im Nahen Osten, die beiden Länder sind immer noch eng verbunden. In Frankreich leben heute zahlreiche Libanesen, die besonders nach Beginn des Bürgerkriegs 1975 ausgewandert waren. Bei der Explosion am Dienstag wurde auch der französische Architekt Jean-Marc Bonfils getötet, der historische Gebäude restaurierte, die im Bürgerkrieg (1975-1990) zerstört wurden. 24 weitere Franzosen wurden verletzt, drei von ihnen schwer.

Macron strebt einen Wiederaufbauvertrag für das Mittelmeerland an und will bei seinem Besuch dafür die Grundlage schaffen. Ob dabei internationale Partner eingebunden werden sollen, blieb zunächst offen. Wütenden Libanesen versprach der Staatschef am Donnerstag auf der Straße, am 1. September wiederzukommen.  mm/afp/dpa

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