München – Kristof Kleemann hat die Explosion im Beiruter Hafen in seiner Wohnung aus nächster Nähe erlebt. Er ist Büroleiter der Friedrich-Naumann-Stiftung (FNS) in der libanesischen Hauptstadt. Er sprach mit unserer Zeitung über den Umgang der Libanesen mit der Katastrophe und darüber, warum die internationale Gemeinschaft Interesse an einem stabilen Libanon haben sollte.
Herr Kleemann, Sie und Ihre Mitarbeiter sind bei der Explosion am Dienstag körperlich unverletzt geblieben. Wie geht es Ihnen?
Der Schock sitzt bei allen tief. Meine Wohnung wurde zerstört, und selbst unser Büro, das vier Kilometer vom Hafen entfernt hinter einem Berg liegt, wurde beschädigt.
Wie erleben Sie Stadt und Menschen dieser Tage?
Einerseits gibt es eine Welle der Solidarität. Menschen bieten sich gegenseitig Wohnungen an, organisieren eine medizinische Basisversorgung. Denn sie haben die Erfahrung gemacht, dass sie auf staatliche Stellen nicht zählen können. Wut auf die Regierung hat sich bisher nur in kleineren Demonstrationen entladen, auch weil die Angst vor Corona sehr hoch ist. Nach der anhaltenden Finanz- und Wirtschaftskrise, nach Corona haben viele Menschen die Explosion als eine Art Endpunkt gesehen und wollen nur noch weg.
Welche Möglichkeiten stehen Libanesen offen, die ihr Land verlassen wollen?
Der Libanon verfügt über eine stark ausgebildete Mittelschicht. Deren Angehörige sprechen oft drei Sprachen, verfügen vielfach über zwei Pässe. Für diese Menschen stehen Wege offen, und es ist anzunehmen, dass es Migrationsbewegungen gibt.
Das wäre für das ohnehin schwer gebeutelte Land ein herber Verlust.
Ja. Und es würde für weitere Destabilisierung sorgen. Dass es dazu nicht kommt, ist im internationalen und europäischen Interesse. Wenn im komplizierten libanesischen Machtgefüge ein Vakuum entsteht, wäre am ehesten die Hisbollah in der Lage, es schnell zu füllen. Eine Ausbreitung der Iran-nahen Miliz würde Israel zu Recht nicht akzeptieren, was dann zu weiteren Spannungen führen würde.
Dass die Hisbollah ein Faktor im Machtgefüge ist, ist einer der Gründe, warum es trotz viermonatiger Verhandlungen keine Einigung über Hilfskredite durch den internationalen Währungsfonds gab.
Ja, aber auch die von der internationalen Gemeinschaft geforderten Fortschritte etwa bei der Korruptionsbekämpfung sind nicht zu sehen. Dass die Regierung den Ernst der Lage erkannt hat, ist nicht zu erkennen.
Gibt es andere Wege zu helfen, als Kredite an den Staat zu vergeben?
Zunächst ist humanitäre Hilfe gefragt, im medizinischen Bereich, aber auch bei der Lebensmittelversorgung. Im Hafen befand sich wohl auch ein Lager mit Getreidevorräten für drei bis vier Monate. Mittelfristig geht es aber nicht ohne Kredite. Die kann man aber auch direkt an den Privatsektor, also an Unternehmen vergeben, etwa mithilfe der europäischen Investitionsbank. Der Libanon ist traditionell stark im Bereich der Fertigung, es gibt aber auch eine Start-Up-Szene und kleinere Technologieunternehmen.
Wird Beirut schnell in der Lage sein, die direkten Folgen der Explosion zu bewältigen?
Das wird lange dauern. Allein schon weil Material importiert und mit Dollar bezahlt werden muss, die es kaum noch gibt.
Welche Rolle kann Deutschland bei der Stabilisierung spielen?
Deutschland genießt im Libanon hohes Ansehen. Es gibt keine Vergangenheit als Kolonialmacht, Deutschland werden keine versteckten Interessen unterstellt. Gute Voraussetzungen für eine starke Vermittlerrolle, die Deutschland schon beim Austausch von Gefallenen nach dem Krieg von 2006 ausgeübt hat.
Im Libanon leben 1,5 Millionen geflüchtete Syrer. Wie wird sich eine Verschärfung der Krisen auf sie auswirken?
Viele von ihnen hatten, wenn überhaupt, einfachere Jobs, etwa in der Bauwirtschaft. Die liegt aber darnieder. Viel hält sie nicht im Libanon. Sie haben aber kaum Möglichkeiten, wegzukommen. Der Libanon grenzt nur an Syrien und Israel, beides keine Optionen. Auf dem Seeweg bliebe vielleicht die Türkei oder der EU-Staat Zypern. Es ist nicht auszuschließen, dass es da zu Bewegungen kommt. Wie gesagt: Ein wirtschaftlich und politisch stabiler Libanon ist im europäischen Interesse. Interview: Stefan Reich