Ankara will im Gasstreit Fakten schaffen

von Redaktion

Türkisches Forschungsschiff vor Kreta eingetroffen – EU und Nato alarmiert – Athen schließt Abkommen mit Kairo

Athen/Ankara/Berlin – Das östliche Mittelmeer entwickelt sich im Kampf um die Ausbeutung unterseeischer Gas- und Ölvorkommen immer mehr zum Krisengebiet zwischen Griechenland und der Türkei. Beide Nato-Staaten erheben Ansprüche auf die reichen Energievorkommen im Meeresboden.

Vor allem Ankara versucht Fakten zu seinen Gunsten zu schaffen. Das türkische Forschungsschiff „Oruc Reis“ befand sich nach Angaben der griechischen Marine gestern bereits südöstlich der griechischen Insel Kreta. Es wird von türkischen Kriegsschiffen geschützt und von griechischen Marineschiffen beobachtet. Die Mission soll laut türkischen Angaben bis zum 23. August andauern.

Griechenland hält die Erkundungen in seinen Hoheitsgewässern für einen Verstoß gegen seine Souveränität und eine „Bedrohung für den Frieden“ im östlichen Mittelmeer. Angesichts der drohenden Konfrontation schrillen in der Europäischen Union und in der Nato die Alarmglocken. Die Regierung in Athen forderte gestern eine Dringlichkeitssitzung der EU-Außenminister. Ein Sprecher des EU-Außenbeauftragten Josep Borrell warnte vor einer weiteren Eskalation und sagte, die Situation sei „äußerst besorgniserregend und muss in einem Dialog gelöst“ werden. Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg hatte sich bereits am Montag mit dem griechischen Regierungschef Kyriakos Mitsotakis getroffen und anschließend die Parteien dazu aufgefordert, sich an internationales Recht zu halten.

Doch auch rechtlich beharken sich Athen und Ankara. Nach jahrelangen Verhandlungen hat Griechenland nun mit Ägypten ein Abkommen über die Festlegung ihrer Ausschließlichen Wirtschaftszone (AWZ) im Mittelmeer geschlossen. Das Abkommen gilt als Reaktion auf einen ähnlichen Pakt der Türkei mit Libyen. In dem Abkommen mit Tripolis hatte die Türkei Griechenland im November jedes Recht auf eine solche AWZ südlich von Kreta und anderer griechischer Inseln abgesprochen. Die EU hatte dies scharf verurteilt und schuf einen Rechtsrahmen für Sanktionen gegen die Türkei.

Mit dem Abkommen zwischen Ägypten und Griechenland wird nun praktisch ein Strich durch die libysch-türkische Zone gezogen. Denn die beiden Zonen sind größtenteils identisch. Die Türkei hatte die Allianz mit Libyen geschmiedet, weil sie sich im Streit um Ressourcen im Mittelmeer von anderen Anrainern ausgeschlossen fühlt.

Die türkische Regierung will sich jetzt nicht aufhalten lassen. Außenminister Mevlüt Cavusoglu machte die türkische Absicht deutlich, ab Ende August Lizenzen für Probebohrungen an neuen Standorten vergeben zu wollen. Die Türkei werde ihre „Rechte“ im östlichen Mittelmeer kompromisslos verteidigen, sagte er. Die Schuld an dem Konflikt wies er einseitig Athen zu. A. WEBER

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