Das heiße Rennen um den ersten Impfstoff

von Redaktion

Experten warnen vor überhasteter Zulassung – USA sichern sich bereits über eine halbe Milliarde Einheiten

Berlin – Unabhängig von Russlands PR-Coup einer frühen Impfzulassung laufen international die Testreihen für weitere Kandidaten möglicher Wirkstoffe weiter. Präsident Wladimir Putin hat zwar per Dekret den langen Prozess einer seriösen Zulassung abgeschnitten. Doch andere Firmen und Universitäten sind mit ihren Testprogrammen schon mindestens ebenso weit, zum Teil deutlich weiter. Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation sind weltweit 160 Testreihen angelaufen, viele liefern vielversprechende Ergebnisse.

Ein weiteres Land eilt neben Russland ebenfalls mit besonderer Hast auf eine Impfzulassung zu: US-Präsident Donald Trump wünscht sich noch vor der Wahl am 3. November ein fertiges Produkt. „Ich glaube, dass wir eine Impfung um dieses Datum herum haben werden“, sagte er vergangene Woche. Die Aussage ist allerdings noch mit Vorsicht zu behandeln.

Die besten Chancen, diesen Termin einhalten zu können, hat in den USA das Unternehmen Moderna aus Massachusetts. Es entwickelt einen Impfstoff auf Basis von Gentechnik, der sogenannten mRNA-Technologie. Davon lassen sich die nötigen Mengen für eine Massenimpfung besonders schnell herstellen.

Der Nachteil ist jedoch ein eher höherer Bedarf an Erfahrungswerten und Tests, weil die Nutzung von mRNA ein junges Verfahren mit nur zehn Jahren Anwendungsgeschichte ist. Moderna befindet sich immerhin bereits in Phase drei seiner Testreihen; die Phasen eins und zwei haben die Forscher mit guten Resultaten abgeschlossen.

Doch die aktuellen Tests kommen nicht mit der hohen Geschwindigkeit voran, die Trump sich wünscht. Von 30 000 gesuchten Teilnehmern hat Moderna erst 4500 gefunden. Die letzten von ihnen werden ihre erste Spritze vermutlich erst im September erhalten. Von dort bis zum Wahltag sind es nur zwei Monate. Wie soll sich in dieser kurzen Zeit zeigen, ob die Substanz wirksam schützt? Was, wenn eine Nebenwirkung sich erst nach einigen Wochen zeigt? Experten halten Trumps Zeitplan für zu ehrgeizig. Früher hat die Entwicklung einer Impfung ein Jahrzehnt gedauert.

Der Dachverband der Auftragsforschungsinstitute ACRO warnte gegenüber der Nachrichtenagentur Bloomberg davor, nötige Schritte zu überspringen. Der Verband schickte nun auch einen entsprechenden Brief an die russische Regierung. „Die Regeln für klinische Studien sind in Blut festgeschrieben“, warnte die Organisation. Sie gelten für alle Länder. „Wir wissen nicht, was mit Menschen passiert, die einen unzureichend durchgetesteten Impfstoff erhalten.“

Auch Deutschland hat zwei Firmen, die einen Impfstoff auf Basis von mRNA entwickeln und damit in der High-tech-Oberliga mitspielen. Doch sie gehen die Sache vorsichtiger an. Curevac aus Tübingen und Biontech aus Mainz sind in ihren Tests am Menschen ebenfalls schon weit fortgeschritten und konnten keine Probleme mit dem Wirkstoff feststellen. Dennoch erwartet Biontech eine Zulassung frühestens Ende des Jahres.

Als Trick, um die Auslieferung zu beschleunigen, könne das Unternehmen die Substanz immerhin auf Vorrat produzieren, bevor die letzten Tests abgeschlossen sind. Biontech ist optimistisch, so bis Jahresende 100 Millionen Impfdosen oder mehr liefern zu können, im Laufe des kommenden Jahres dann gut eine weitere Milliarde. Curevac rechnet für Herbst mit dem Beginn seiner Phase-2-Studie „mit einer signifikanten Anzahl von Teilnehmern“. Erst danach lasse sich der weitere Verlauf seriös abschätzen.

Die USA haben derweil bereits mehr Optionen auf Impfdosen bestellt, als sie brauchen. Von den Pharmariesen AstraZeneca und der Uni Oxford sind es 300 Millionen, von Pfizer und Biontech sind es 100 Millionen Dosen mit der Möglichkeit einer Erweiterung auf 500 Millionen. Von dem US-Unternehmen Novavax hat der amerikanische Staat weitere 100 Millionen bestellt und von Sanofi und GlaxoSmithKline noch einmal 100 Millionen.

FINN MAYER-KUCKUK

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