München – Markus Söder umarmt einen Baum. Nimmt Schutzmasken in Empfang. Präsentiert einen weiß-blauen Mundschutz. Posiert mit Emmanuel Macron. Oder zuletzt natürlich: Söder und Angela Merkel auf einem Schiff auf dem glitzernden Chiemsee, die Alpen im Hintergrund. Und nachher auf Schloss Herrenchiemsee erst, Kanzlerin und Ministerpräsident im prunkvollen Spiegelsaal. Bayern aus dem Bilderbuch: Solche Fotos finden sich dann in jeder Zeitung.
Man kann mit Gewissheit sagen: Keines dieser Motive ist zufällig entstanden. Polit-Profis, die meisten jedenfalls, legen seit jeher Wert auf eindrucksvolle Fotos und, ja, auch Selbstinszenierungen. Derartige Termine und Fotomotive werden minutiös geplant, die Staatskanzlei hat sogar einen eigenen Fotografen. „Visuelle Inszenierungen sind nicht neu, das gibt es schon seit Jahrzehnten“, sagt Christian von Sikorski, Professor für Politische Psychologie an der Universität Koblenz-Landau. Söder beherrscht das Geschäft in bayerisch-fränkischer Perfektion.
Die Fotos vom Chiemsee verteidigt Söder: „Wenn man eine Kanzlerin nach Bayern einlädt, dann präsentiert man sich von der Sonnenseite und zeigt, was der Freistaat zu bieten hat. Wenn Gäste kommen, holt man auch das gute Geschirr und Besteck heraus.“
Das „gute Geschirr“ holt am Donnerstag und Freitag nun auch Söders schleswig-holsteinischer Amtskollege Daniel Günther (CDU) heraus. Söder reist für zwei Tage an die Nordsee und wird, auf eigenen Wunsch, Natur-idylle pur erleben: Meer, Watt, Seehunde. Gemeinsam wollen die beiden Ministerpräsidenten durchs Wattenmeer wandern, begleitet von einem Medien-Tross. Man darf davon ausgehen, dass Söders Staatskanzlei bei solchen Terminen auch außerhalb Bayerns ein großes Wörtchen mitredet. „Daniel Günther hatte mich eingeladen. Es ist ein freundschaftlicher Gedankenaustausch“, sagt Söder und nennt den Besuch „ökologisch ausgerichtet“. „Die Alpen und die Küste, die Berge und das Meer sind die natursensibelsten Regionen. Hier ist der Klimawandel schneller spürbar.“
Von Sikorski analysiert: „Man erzeugt mit solchen Terminen einen Publikationsdruck.“ Söder und Günther schafften es damit, in Medien zu kommen. „Und an schöne Bilder und eindrückliche Fotos werden sich die Menschen noch länger erinnern.“ Mit neuen Medienkanälen seien Inszenierungen noch einmal viel, viel wichtiger geworden. „Man weiß, dass Bilder und visuelle Eindrücke Wahlen entscheiden können. Denn wenn ein Politiker auf Fotos sympathisch wirkt oder Handlungsfähigkeit demonstriert, kann das einen Eindruck auf unentschlossene Wähler machen.“
Heißt übersetzt: Wenn Söder doch Kanzlerkandidat werden würde, könnten ihm Fotos an der Küste dort wohl zusätzliche Stimmen bringen? Söder betont freilich, sein Platz sei in Bayern. Der Politikwissenschaftler Heinrich Oberreuter aber sieht als Grund für die Reise schon auch, dass Söder zeigen wolle, dass er sich eben auch in Norddeutschland bewegen könne. Visuelle Inszenierungen seien in der Politik schon immer wichtig gewesen – Gipfel, bildträchtige, berühmte Begegnungen wichtiger Staatsmänner, aber etwa auch den auf einem Pferd reitenden Wladimir Putin. Sich mit Fotos in Szene zu setzen, habe Söder schon immer gekonnt. „Er spielt auf dieser Klaviatur mit großer Meisterschaft.“ Hinter den Bildern, konstatiert Oberreuter, stehe allerdings auch eine erfolgreiche Politik.
Söder selber versucht, die Bedeutung von schönen Fotos herunterzuspielen. „Natürlich gehört das dazu – aber ihre Bedeutung wird überschätzt“, sagt er: „Wenn der Inhalt nicht stimmt, bringt das beste Bild nichts.“
Die Landtags-Opposition sieht die Söder-PR dennoch kritisch. „Söder kennt nur den Superduperlativ und verkauft jede noch so kleine Maßnahme als bayerisches Weltwunder“, sagt Grünen-Fraktionschef Ludwig Hartmann. „Etwas weniger Platanenkuscheln und mal einen Gang zurückschalten bei der Überinszenierung von Banalitäten täten ihm sicher gut.“
Dabei kann auch mal was schiefgehen mit Fotos. Als Söder einst im eher mittelprächtig beleuchteten Eingangsbereich der Staatskanzlei ein Kruzifix aufhängte, war viel Blitzlicht nötig. Söder und das Kreuz warfen viele dunkle Schatten – die Bilder wirkten gespenstisch.